Das Leben über 30

Georgs äußere Erscheinung war makellos. Er war weder zu groß noch zu klein, weder zu dick noch zu dünn. Sein Gesicht war markant männlich. Körperbau und Muskulatur waren harmonisch proportioniert. Wer Georg sah, konnte die Augen nicht von ihm lassen. Er war der personifizierte David von Michelangelo, nur mit deutlich größerem Glied. Und genau wie der Marmorknabe aus Florenz war Georg glatt. Man konnte gar sagen, er war aalglatt, wenn man Marmor mit einem Fisch vergleichen möchte. Dicht behaart war er lediglich auf dem Kopf. Sein Äußeres gab ihm Selbstvertrauen und hatte ihm in seinem Leben bereits so manches Türchen geöffnet. Doch kurz nach seinem 30. Geburtstag nahm Georgs Makellosigkeit einen tiefgreifenden Schaden.

Alles begann mit einem widerspenstigen Haar, welches sich in seinem linken Nasenloch befand und Anstalten machte, aus dem Loch herauszuwachsen, was man von Weitem nicht sah. Zu Beginn zumindest. Aber es wurde immer länger. Und das Schlimmste war, es färbte sich erst grau und dann schlohweiß.

Georg schnitt es ab. Doch es wuchs nach. Es wuchs schnell nach, verdammt schnell. Also zupfte er es aus, nicht ohne dabei ein Tränchen zu verlieren. Das Haar aber wuchs wieder nach. Es wuchs und wuchs. Und es wuchs so schnell, dass man ihm beim Wachsen zuschauen konnte. Und Georg schnitt und schnitt und schnitt. Doch all das Schneiden half nichts. Das Haar wurde länger und länger. Und es begann, sich zu wellen. Und bald schon kam Georg kaum noch nach, das weiße, gekrauste Haar aus seiner Nase abzuschneiden.

Als er kurz eingenickt war, erschöpft vom vielen Schneiden, wuchs das Haar in einer derartigen Geschwindigkeit, dass es sich um seinen Körper wickelte und ihn umgab wie ein Kokon. Mumiengleich lag Georg auf seinem Sofa, als man ihn in seiner Wohnung fand. Und weil der Fall so kurios war, stellte man ihn im Museum aus. – Ein weiteres Mal hatte Georg es geschafft, mit seiner Erscheinung Aufsehen zu erregen. Aber das war man ja von ihm gewohnt.

RC

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