Ein Foto – zwei Geschichten

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Doch welche 1000 Worte?
Die Entscheidung liegt bei Ihnen.

Charlotte

Charlotte radelte beschwingt durch den frisch ergrünten Wald. Die milde Frühlingsluft strich ihr durchs Haar. Ihr Kleid flatterte im Fahrtwind. Sie hatte ihre Großmutter im Nachbarort besucht, um ihr bei der Installation von Windows 11 zur Hand zu gehen. Der alte Drucker hatte zwar Probleme bereitet, doch schließlich lief wieder alles wie zuvor. Beim Abschied hatte Großmutter ein Buch, das sie sich bei Charlottes Mutter geliehen und nun ausgelesen hatte, in den Fahrradkorb gelegt.

Charlotte war noch keine fünf Minuten unterwegs, als es sie plötzlich überkam. Es war wie ein Schlag in die Magengrube. Aus dem Nichts. Ihr stockte der Atem, ihre Beine drohten zu versagen. Gerade noch rechtzeitig brachte sie ihr Rad zum Stehen, bevor sie die Kontrolle verlor.

Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen. »Nicht schon wieder! Nicht schon wieder!«, murmelte sie. Etwas schrie in ihr und flehte – schrill, herzerweichend. Tief in ihrem Inneren hauste ein Wesen, das Gelüste hatte, das hungerte. Charlotte hatte geglaubt, es für alle Zeit dort eingesperrt zu haben, doch nun bahnte es sich seinen Weg nach draußen. Lesen! Lesen! Lesen!

Charlotte hatte geglaubt, ihre Sucht endlich überwunden zu haben. Offensichtlich ein Irrtum. Genau neun Monate und acht Tage hatte sie es geschafft, Büchern aus dem Weg zu gehen. Sie hatte zig Serien und Filme gestreamt, hatte sich Dutzende Spiele aufs Smartphone geladen und sich einmal sogar einen Podcast angehört, was beinahe zu einem Rückfall geführt hätte. Doch sie war standhaft geblieben. Bis jetzt.

Schwer atmend blickte sie in ihren Fahrradkorb. Charles Dickens, »Große Erwartungen«. Zitternd griff sie nach dem Buch, schlug die erste Seite auf und ließ sich nieder. Charlotte wusste: Sie würde erst wieder aufstehen, wenn die letzte Seite gelesen war.

Judith

Mit jedem auf diesem Radweg zurückgelegten Meter wuchs Judiths Zorn. Bäume, so weit das Auge reichte. Fast hätte man von einem regelrechten Wald sprechen können. Nutzlos stand das Gehölz da und versperrte einem die Aussicht auf die Landschaft. Judith trat fester in die Pedale, um schnell zurück in die Zivilisation zu gelangen. Doch plötzlich sah sie im Augenwinkel etwas am Wegesrand liegen. Judith kehrte zu der Stelle zurück. Und tatsächlich! Da lag ein Buch.

Wie grausam doch die Menschen sein konnten! Holz in Buchform war der Gipfel der Zivilisation. Holz in Baumform dagegen war unkontrollierbar – sprossendes, geilendes Chaos, das wuchs und wuchs und alles zu verschlingen drohte.

Judith wusste, was jetzt geboten war, denn sie war Gründerin, Vorsitzende und einziges Mitglied der Protestbewegung »Die allerallerletzte Generation«. Ihr oblag es, die Menschheit, den Planeten, vermutlich das gesamte zivilisatorische Leben im Universum zu retten.

Sie holte den Alleskleber hervor, schmierte ihn sich auf die Pobacken und klebte sich am Boden fest. Ihre Sitzblockade und der resultierende Stau würden die Menschen aufrütteln. Sie würden zunächst hinter ihren Lenkrädern fluchen, hupen, der Weltenretterin, die sie als solche nicht zu erkennen vermochten, einen schlimmen Blasenkatarrh wünschen – doch dann, nach Stunden, Tagen oder gar Wochen würden sie einsehen, dass Judith recht hatte. Sie würden den Bundeskanzler zwingen, hierher zu kommen und mit Judith zu reden. Sein Machtwort schließlich würde dafür sorgen, dass weltweit alle Bäume zu Büchern verarbeitet würden.

Sie nahm das Buch zur Hand, auf das offenbar auch noch jemand uriniert hatte. Sebastian Fitzek, »Das Paket«. Judith begann zu lesen. Doch mit jeder Seite wuchs ihr Entsetzen. Was für ein dummer Scheißdreck! Ihr Leben, das erkannte sie nun, war auf einer Lüge aufgebaut.

Oder was denken Sie? Weshalb hockt die Frau am Boden rum, mitten auf dem Weg? Erzählen Sie Ihre Version der Geschichte Ihren Freunden, Nachbarn und Verwandten! Die beste Story gewinnt!

    Anzeige

Kolumnen

  • Brasilien an der Ostsee
    »Runter da!«, ruft der Kerl und gestikuliert so wild, dass vor Schreck ein paar Möwen auffliegen. Er ist eindeutig zu laut, um im Hotelgewerbe zu arbeiten.
  • Ein Anruf bei Karl Lauterbach
    Guten Tag, Herr Lauterbach, schön, dass Sie Zeit gefunden haben, obwohl Sie offenbar sehr unter Druck stehen. Sie sehen, mit Verlaub, gar nicht gut aus.
  • Finde den !relheF
    Sicherheit ist leider auch im Jahre 2022 noch eine überwiegend männliche Angelegenheit, für die Frauen sich nicht interessieren.
  • Ein Anruf bei Lars Windhorst
    Herr Windhorst, Sie haben mit Ihrer Tennor Group 375 Millionen Euro in den Fußballbundesligisten Hertha BSC investiert und wollen Hertha zu einem europäischen Spitzenteam formen. …
  • Ein Foto – zwei Geschichten
    Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Doch welche 1000 Worte?
  • Ein Anruf bei Gerhard Schröder
    Herr Bundeskanzler a.D., spätestens seit Ihrer Aussage, Putin sei ein lupenreiner Demokrat, gelten Sie als nur bedingt zurechnungsfähig. Meinten Sie das ernst oder hat es andere Gründe, dass Sie freiwillig als Putin-Marionette auftreten?