Das Bild des Nichts

Keine Frage, Herr Kröbel war ein Fotograf von Weltrang. Er hatte mitten im finsteren Gotthardtunnel Schwarzgeld fotografiert, im dichtesten Nebel Dunst abgelichtet und bei Regen mit seiner Kamera sogar Nässe festgehalten. Er knipste, wo er lief und stand, sodass auch laufend Standbilder entstanden und nicht etwa wegliefen. Wer ihm vor die Linse geriet, durfte sicher sein, dass er oder sie verewigt wurde. Und das ganz wörtlich: Selbst nach einer Ewigkeit von hundert Jahren war auf Kröbels Bildern garantiert nichts und niemand zu erkennen, so dass sich jeder Betrachter unwillkürlich fragte, ob da ursprünglich überhaupt mal ein Motiv vorhanden gewesen war. Den Höhepunkt seiner Karriere erreichte Meister Kröbel aber gerade in unseren Tagen, denn die Bundesregierung beauftragte ihn mit einer ganz besonderen Arbeit: Er sollte das Haushaltsloch fotografieren! Nicht umsonst eilte ihm der Ruf voraus, dass alles, was er knipste, womöglich gar nicht existierte. Und richtig: Kröbel kam mit einem Riesenbrett von Foto im Querformat zurück – schließlich sollte es sich ja auch um ein Haushaltsloch von rekordverdächtigen Ausmaßen handeln. Zu sehen war darauf freilich nichts, und so wollten schon alle frohlocken, bis Kröbel schließlich seine Rechnung vorlegte. Die war fünfstellig. »Mist«, rief der Finanzminister, »man sieht nichts, und das Loch wird trotzdem immer größer. Sowas gibt’s doch gar nicht.« Seitdem streiten alle Wirtschaftsweisen um die Frage, ob das Nichts gar nicht nichts ist. Bloß Kröbel ist fein raus.
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