Der Umarmer

Irgendwann kam Eugen Schrotz das Verhalten seiner Mitmenschen doch seltsam vor. Der Briefträger umarmte ihn jeden Tag, der Fleischer trat extra vor den Verkaufstresen, um ihm vertraulich in die Seite zu knuffen, im Bürgeramt wurde er vom Sachbearbeiter permanent geduzt, und bei der Verkehrskontrolle legte ihm die Polizistin erst mal den Arm um die Schultern, bevor sie 78,50 Euro wegen Tempoüberschreitung kassierte.
Erst von seiner Frau erfuhr Schrotz schließlich, dass er mit all diesen Leuten in einem Verwandtschaftsverhältnis stand, als Briefschwager, Fleischcousin, Bürgerenkel und Tempoonkel. Das war ihm alles komplett entgangen, und er fühlte sich irgendwie unwohl: Womöglich hatte er nur deshalb 86 Versicherungen, weil der örtliche Agent ein angeheirateter Pflegesohn seiner kleinen Großtante war? Und der Strompreis stieg nur darum so schnell, weil ihn der Kraftwerksbesitzer als Urgroßneffe seines Schwiegerdackels nicht leiden konnte?
Zum Glück hatte Schrotz den rettenden Einfall: Er würde kurzerhand in die Politik gehen! Und richtig – nicht mal ein Jahr verstrich, bis er in der Zeitung eine Enthüllungsliste mit all seinen Familienmitgliedern fand. Sofort wollte er von sämtlichen Ämtern zurücktreten und stattdessen die komplette Aufstellung mal anrufen, um sich nach dem werten Befinden zu erkundigen. Leider kam es dann doch anders. Schrotz nutzte die komplette Mischpoke nämlich für sein weiteres Fortkommen. Und er umarmte, knuffte und duzte jetzt einfach selber.
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