Herr Möbius kackt falsch

Das Leben des Herrn Möbius verlief gleichförmig und geordnet. Nennenswerte Talente hatte er keine. Allgemein war Herr Möbius ein recht durchschnittlicher Mensch. Seine Figur, sein Verdienst und sogar seine Cholesterinwerte waren durchweg durchschnittlich. Die allgemeinen Empfehlungen für einen gesunden Lebenswandel versuchte er zu beachten. Vor Krankheiten fürchtete er sich nicht mehr als der Durchschnitt.

All das änderte sich jedoch an jenem schicksalhaften Tag, als sein Arzt am Ende einer Routineuntersuchung feststellte: »Sie kacken falsch.« Noch bevor Herr Möbius fragen konnte, wie er diese Tätigkeit in Zukunft verrichten solle, hatte der Mann im weißen Kittel das Sprechstundenzimmer verlassen.

Von da an war in Herrn Möbius Leben nichts mehr, wie es einmal war.

Die allgemeine Zufriedenheit wich einem Gefühl der Angst, des Unmuts, der Melancholie. Herr Möbius begann sich zurückzuziehen, hörte auf, soziale Kontakte und bald auch sich selbst zu pflegen. Die Worte »Sie kacken falsch« schwirrten ihm unentwegt durch den Schädel. Bald schon verschlechterte sich der gesundheitliche Zustand des Herrn Möbius.

Appetit hatte er keinen mehr und die meiste Zeit des Tages verbrachte er im Bett. Man wollte ihn noch ins Krankenhaus bringen, doch Herr Möbius lehnte mit letzter Kraft ab.

»Sie kacken falsch«, waren die letzten Worte, die kaum hörbar seinen Mund verließen, als er in den Armen seiner Frau verstarb. Man hatte seinen Arzt kommen lassen, um den Tod festzustellen. »Kotstau mit letaler Folge«, kritzelte dieser auf den Totenschein des Herrn Möbius und konnte sich nicht verkneifen, beim Hinausgehen anzufügen: »Ich hatte ihn gewarnt.«

RC

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