Kindchenschema XXL

UNSERE BESTEN

Es geht voran auf der Baustelle westlich des Kanzleramts. Mit einem freundlichen Lächeln lauscht Helge Braun den Ausführungen eines Architekten, der über den Baufortschritt referiert, während Angela Merkel eine Granitmauer tätschelt und spaßeshalber so tut, als würde sie deren Stabilität prüfen. Um gut die doppelte Fläche wird das Kanzleramt innerhalb der nächsten Jahre erweitert. Bis der Bau fertiggestellt und die 600 Millionen dafür ausgegeben sein werden, wird zwar noch viel Wasser zwischen dem alten und dem neuen Gebäudeteil die Spree hinabfließen, doch ein erster Abschnitt des Neubaus, das sogenannte Mausoleum, soll spätestens Anfang Oktober dieses Jahres bezugsfertig sein. »Das wird fantastisch«, sagt Merkel. »Das findest du doch auch, oder, Helge?« »Ja«, ruft es instantan aus Braun heraus. Ein vermutlich genetisch bedingter Reflex, den Merkel sehr zu schätzen weiß.

Zeichnung Frank Hoppmann


Seit Helge Braun 2013 als Staatssekretär ins Kanzleramt kam, befindet er sich mit Merkel auf einer Wellenlänge. Der Arzt und die Physikerin: Der naturwissenschaftliche Zugang zur Welt, so sagt man, verbinde die beiden. Und was ist Naturwissenschaft anderes als die Einsicht, dass sich die Gesetze der Natur nicht ändern lassen? Gestalten, formen, agieren – das ist Aufgabe der Natur. Der Mensch kann nur dasitzen und beobachten. Dieses Prinzip auf die Politik zu übertragen, darin sehen Braun und Merkel ihre Aufgabe. Die Physikerin würde die Verbindung der beiden vermutlich so ausdrücken: Trifft ein Vakuum auf ein anderes Vakuum, geschieht dies völlig geräuschund aufgrund des mangelnden Inhalts weitestgehend reibungslos. Medizinisch gesprochen, gleichen beide einem Placebo – eine Wirkung ist nicht messbar, aber der Patient hat das gute Gefühl, dass ihm geholfen wird.

Inhaltliche Kontroversen zwischen ihnen waren damit ausgeschlossen. Folgerichtig blieb Braun nach der Wahl 2017 im Kanzleramt und bekam sogar ein Büro auf der Etage der Chefin. Das Dasein als Kanzleramtsminister besteht aber leider nicht nur darin, die naturgegebenen Aktionen der Nachrichtendienste zu koordinieren, auch die Abstimmung zwischen Bund und Ländern gehört zu seinen Aufgaben. Er erledigte sie so sachlich, unaufgeregt und zuverlässig, dass er eine Zeit lang als Nachfolger von Hessens Ministerpräsident Bouffier gehandelt wurde, doch dann kam das berüchtigte Oster-Desaster 2021.

Als Minister für besondere Aufgaben im Kanzleramt hatte die Chefin ihm die Bekämpfung der Pandemie übertragen, denn darum konnte sie sich neben all den vielen Sachen, die sie sonst noch so machte, wie zum Beispiel dies oder jenes, nicht auch noch kümmern. Also fragte die Kanzlerin in einer der zahllosen Sitzungen, während deren die Ministerpräsidenten in ihren Staatskanzleien vor ihren Monitoren hockten und nebenbei auf ihren Smartphones herumwischten: »Helge, hast du noch eine Idee?« Und Helge Braun sagte, was er immer sagt, nämlich »Ja«. Und er sagte es nicht einfach nur, er hatte tatsächlich eine: Mit einem zusätzlichen Feiertag vor Ostern sollte das Virus gebrochen, die Pandemie für immer besiegt werden. Das Resultat ist bekannt: Die Kanzlerin musste sich vor laufender Kamera entschuldigen. Niemand weiß bis heute genau, wofür, die Ursache für diese Demütigung jedoch stand fest: Helge Braun. Manche forderten nun seinen Rücktritt. Wenn aber Scheuer, Spahn und Klöckner ihre Ministerposten behalten durften, gab es für die Kanzlerin keine Veranlassung, so kurz vor Feierabend den freundlichen Anästhesisten zu feuern. Wer könnte diesem knuffigen Gesicht auch böse sein? – Versuchen Sie es! Sehen Sie in diese großen blauen Augen, sehen Sie in dieses Kindchenschema-Gesicht in XXL und sagen Sie laut: Du bist entlassen! – Sie können es nicht, weil Sie sich albern dabei vorkämen. Zumindest sollten Sie das. Tatsache jedenfalls ist: Auch Merkel kann und will nicht auf Helge Braun verzichten, und dank des Neubaus wird sie es niemals müssen.

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Merkel kann manchmal hartherzig wirken. Doch eigentlich ist nur die Wahrheit hart und erbarmungslos, Merkel verkündet sie nur. So geschehen, als sie ihrem Kanzleramtsminister vor wenigen Tagen die Baupläne für die Erweiterung des Kanzleramts vorlegte: »Wenn Anfang Dezember 2021«, sagte sie, »Armin Laschet vom Bundestag zum Bundeskanzler einer schwarz-grünen Regierung gewählt wird, dann hast du, mein lieber Helge, ausgedient.« Es war keine Gemeinheit Merkels, sondern einfach eine Feststellung. Und Braun wusste, sie hatte recht. Wenn die Herrin geht, wieso sollte ihr treuester Diener bleiben? Was gäbe es überhaupt noch für ihn zu tun? »Das siehst du doch auch so, oder, Helge?«, hatte Merkel gefragt. »Ja«, hatte Helge Braun geantwortet, denn Logik und Sachzwängen konnte er nichts entgegensetzen.Der Architekt führt Merkel und Braun die Stufen hinab in den Rohbau. »Keine Angst«, sagt er, »die Fallen gegen die Grabräuber werden erst später aktiviert. So, und das ist sie: Die ›Kammer der Kanzlerin‹. Hier auf diesem Podest«, der Architekt wendet sich an Merkel, »wird Ihr Sarkophag aufgebahrt. Dort drüben sind die Nischen für die Grabbeigaben. Davon können Sie sich sicherlich ein paar Tage ernähren, Herr Braun. Gefällt es Ihnen?« »Ja.« »Wir hatten ja erst überlegt, näher am Original in Ägypten zu bleiben. Dann hätten Sie eine eigene Grabkammer nebenan bekommen, Herr Braun. Aber Sie bestanden ja auf einem nüchternen und auf Funktionalität ausgerichteten Zweckbau, richtig?« »Ja.«


Wenn dann im Dezember, im Anschluss an die Vereidigung Laschets, eine Ehrendelegation unter den Blicken von Millionen Zuschauern zu Hause vor den Bildschirmen zum Mausoleum zieht, wo Merkel feierlich einbalsamiert und in ihre Gruft geschoben wird, wird Helge Braun neben seiner Kanzlerin stehen – wie immer ausgeglichen und in sich ruhend wie ein Rind auf der Weide. Vermutlich wird er noch ein paar Worte sagen. Er wird besonnen und sachlich darlegen, weshalb die Regierung zur Überzeugung gelangt ist, die Beisetzung zu diesem Zeitpunkt und vor allem in dieser Form sei, nach Abwägung aller Standpunkte und unter Berücksichtigung der dargelegten Fakten, verhältnismäßig und eine Notwendigkeit. Stoisch wird Helge Braun die Zeremonie über sich ergehen lassen. Kein würdeloses Wimmern, kein verzweifeltes Kratzen und Schaben mit den Fingernägeln, wenn der schwere Stein vor die Kammer geschoben wird. Helge Braun wird nur freundlich lächeln.

GREGOR FÜLLER

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