Brasilien an der Ostsee

»Runter da!«, ruft der Kerl und gestikuliert so wild, dass vor Schreck ein paar Möwen auffliegen. Er ist eindeutig zu laut, um im Hotelgewerbe zu arbeiten. Mit schweren Schritten geht er auf die junge Familie zu. »Runter da!«, wiederholt er. Und schiebt nach: »Die Buhnen sind nicht zum Spielen da!«

Nun entlarvt sich der Hinterwäldler. Ein Foto am Strand zu knipsen, ist doch kein Spielen! Seine Follower und Friends bei Snapchat, Tiktok und Instagram permanent mit neuem Material zu versorgen, ist harte Arbeit. Vor allem an der Ostsee, wo jeder Strand gleich aussieht und kaum interessante Motive bietet. Boltenhagen, Kühlungsborn, Zingst: Da ist die Düne, der Sand, das Meer. Baden geht noch nicht so richtig, Strandkörbe stehen noch nicht und ein Selfie mit Cocktail ist auch nicht drin, weil die Strandbars noch in irgendwelchen Lagerhallen liegen. Da bleiben ja eigentlich nur die Buhnen für etwas Abwechslung.

Aber der Mann bleibt hart. Nicht wegen der Verletzungsgefahr: Man darf ja eigentlich eh nicht auf die glitschigen Pflöcke, weil man schnell runterrutschen kann. Der Mann aber hat etwas ganz anderes im Sinn: »Wisst ihr, was das für eine Arbeit ist, die Dinger einzusetzen?«

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Blöde Frage. Die Dinger sehen so zeitlos verwittert aus, dass man gar nicht auf die Idee kommt, dass sie überhaupt einmal ausgewechselt werden müssten. Alte Reste aus der Bismarck-Zeit, als die Leute an der Küste irgendwie alle so aussahen wie das NDR-Walross. Auch die Frauen.

Aber der Mann rümpft nur die Nase über so viel Unwissenheit. Alle dreißig Jahre müssen die Buhnen ausgetauscht werden. Fünf Reihen sind in diesem Frühjahr in Warnemünde dran. Stand auch in der Zeitung. Und das heißt: ausbaggern, Buhnen lockern und rausziehen und die Neuen einstampfen. Eine riesige Plackerei.

Um den Mann versöhnlich zu stimmen, heuchelt man etwas Interesse. Was wird denn da genommen: Eiche, Kiefer oder irgendein anderes Nadelholz? Steht ja genug im Hinterland rum. Und nach den Stürmen in letzter Zeit … Aber er schüttelt nur den Kopf. »Tropenholz«, sagt er. »Das hält länger.«

Nun steigt man doch etwas pikiert von den Buhnen runter. Wie retro ist das denn, heutzutage noch den Regenwald anzugehen!? Und wie frech, einem mit diesem Thema den Urlaub zu kontaminieren!? Was kommt als nächstes? Blutdiamanten statt Bernstein, Flüchtlingsboote statt Fähren? Man verabschiedet sich kurzangebunden und lässt den Mann links liegen. Die Buhnen auch. Man ist sauer: Jetzt muss man hoch zur Promenade und sich vor dem Leuchtturm fotografieren – wie alle anderen auch.

BS

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Und sonst so …

  • Ein Anruf bei Christian Lindner
    Herr Lindner, Sie haben vor einiger Zeit der »Badischen Beamtenbank« tüchtig Ihre Meinung gesagt.
  • Der reuige Whistleblower
    Peter interessierte sich sehr für Gehölze. Von früh bis spät hatte er nichts anderes im Sinn als Eichen, Buchen, Ulmen und Linden nachzustellen.
  • Ein Anruf bei Ursula von der Leyen
    Herzliches Beileid, Frau von der Leyen, zu Ihrem schmerzlichen Verlust!
  • Ein Anruf bei Elon Musk
    Herr Musk, die meisten Experten wundern sich, dass ein Unviersalgenie wie Sie einen maroden Konzern wie Twitter aufgekauft hat. Man zweifelt sogar schon an Ihrer Zurechnungsfähigkeit.
  • Ein Anruf bei Robert Habeck
    Herr Habeck, ist den Grünen neben der Gasumlage auch der Pazifismus abhandengekommen?
  • Ein Anruf bei Mathias Döpfner
    Herr Döpfner, eigentlich sind Sie ja der Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Medienimperiums, Sie fallen aber auch immer wieder durch satirische Auftritte auf.
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