Sandmännchen forever

FERNSEHEN

Es kommt mit dem Müllauto, dem Hubschrauber, dem Russenpanzer oder auf Rollschuhen, um sich seines Säckchens zu erleichtern. Es ist der Serienheld mit der längsten Karriere der Welt. Es erscheint finnischen, schwedischen, dänischen, norwegischen, jemenitischen, angolanischen, mauretanischen, srilankischen, mongolischen und vietnamesischen Kindern – und deutschen in beiden Teilen unseres Landes. Nicht mal das Traumschiff kam weiter rum als dieser kleine alte weiße Mann. Er altert allerding nicht sichtbar, sagt nie ein Wort – nicht zur Klimakrise, nicht zum Krieg und nicht zur Kindergelderhöhung. Und besonders unheimlich: Er lacht nie.

MIGUEL ROBITZKY

Arglos setzen Eltern und Großeltern ihre Kinder und Enkel allabendlich seinem Einfluss aus. Was macht er mit den Kleinen? Welche Langzeitfolgen hat das? Ist er ein tibetanischer Gesundbeter, ein kommunistischer Agitator der heilen Welt, in der man sich beruhigt schlafen legen kann? Oder ist er gar ein Dealer? Schließlich verpustet er täglich eine psychedelische Substanz, die offenbar mindestens Melatonin, wenn nicht Morphium oder Vanillearoma enthält – würden ansonsten auf jeweils einer Hälfte der Erdkugel die Kinder augenblicklich in den Tiefschlaf sinken? Was jedenfalls jeder Kinder- und Jugendpsychologe bestätigen wird: Der Kerl ist äußerst manipulativ.

Wenn man seine Historie kennt, wird einem ein bisschen unheimlich. Denn »unser Sandmännchen« wurde einst als telegener Widergänger Walter Ulbrichts (»niemand hat die Absicht, euch ins Bettchen zu schicken«) erfunden. Denn ursprünglich war vorgesehen, Ulbricht persönlich den DDR-Kindern »Gute Nacht«, sagen zu lassen, was aber an den Rahmenbedingungen (kein Wort zum Klassenkampf, nur das Gute-Nacht-Lied singen!) scheiterte. Außerdem lehnte Ulbricht die Zipfelmütze als »klassenindifferenten Firlefanz« ab.

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Komischerweise ist unser Sandmännchen noch nie in eine »woke« Kampagne geraten. Merkwürdig, denn männlich, weiß, alt und ein Besserwisser ist es auf jeden Fall. Warum kann es nicht weiblich sein, dieses »Männchen«, warum nicht auch einmal im Röckchen erscheinen? Es war schon in Afrika, bei den Eskimos, den Indianern und im Zoo. Wieso drückt es den Kindern dieser Weltgegenden die germanischen Zu-Bett-geh-Rituale auf? Ist das nicht ein Herrenmenschen-Befehl, dieses: »Jetzt aber ab ins Bett!«, den jeder Auftritt des Sackträgers zu erteilen scheint? Bringen die Deutschen mit dem weltweiten Export der Serie etwas fertig, wovon sie (auch ohne Schlafsand) lange träumten?

Gern besuchte das Sandmännchen (in den DDR-Folgen) Kinder im sozialistischen Ausland. Also im Herrschaftsbereich der Russen. Überall wird es freudig empfangen; von Kindern in Trachten in Usbekistan, beim Walfleischessen in Sibirien oder von den nackten Kindern in Mosambik. Diese Streifen sollten sofort für immer in die Archive wandern. Denn sie zeigen eine Welt der Völkerfreundschaft und der Solidarität, die wir nie wieder haben wollen. Gerade jetzt nicht, wo unsere Regierung 100 Milliarden Euro für künftige Kriege zur Verfügung stellt.

In den zeitgemäßen Folgen flüchtet sich unser Sandmännchen dann auch eher in Fantasiewel -ten, gern auf den Mond, ins Schlaraffenland, zu Märchenprinzessinnen oder mit 3D-Brille ins Nirwana.

Allerdings können alte Sandmannfolgen, die unbemerkt immer noch gesendet werden, durchaus auch zeigen, wie furchtbar die Diktatur war. Alles war quasi militärisch aufgeräumt. Die alleinerziehende Mutter kommt spät von der Zwangsarbeit. Die Kinder sind zum Kotzen sauber, aber sich selbst überlassen, haben schon den Abendbrottisch gedeckt und tragen Mutti die spärlichen Einkäufe hoch. Dem netten Besucher mit dem Sack wird das Sofa angeboten. Neben dem Fernseher liegt das Neue Deutschland. Und »Unser Sandmännchen« gucken dürfen die Püppchen erst, wenn alle die Hände gewaschen haben. Diese Folgen nach einem Besuch des Stasi-Gefängnisses Hohenschönhausen den Kindern gezeigt – und sie sind zeitlebens gegen jede Form des Kollektivismus immun!

Wenn der MDR und der RRB dereinst nur noch Kim Fischer, Florian Silbereisen und »Elefant, Tiger und Co« senden dürfen, wenn Pittiplatsch rosa und das Schnatterinchen ein Erpel ist, selbst dann wird das Sandmännchen so bleiben, wie es immer war: Ein infantiler Bartträger, ein deutsches Saubermännchen, das dafür sorgt, dass die Hausfrau endlich die Spülmaschine einräumen kann. Ein geschlechtsloses, also diverses Wesen, das eisern die Klappe hält und niemals lacht.

FELICE VON SENKBEIL

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