Hören wie eine Fledermaus

FERNSEHEN

Ein Kommissar ist ein Mensch wie du und ich. Scheinbar! Scheinbar ist er so normal, als könnten wir ihn duzen. In Wirklichkeit (natürlich in der Fernsehwirklichkeit) hat er was Spezielles – einen Tick, eine Begabung, eine telepathische Verbindung ins Überirdische, um den Ermittlern auf dem Sofa vor der Glotze immer einen Schritt voraus zu sein – sonst hätte er nicht dieses zwiefache Glück: Kommissar zu sein und ins Fernsehen zu kommen!

Aber das Darstellermaterial! Man kann sich Francis Futon-Smith nicht im Batman-Outfit vorstellen oder Andreas Moretti mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern. Solche Skills fallen schon mal aus. Da gibt es einen Trick: Kommissare sind behindert.

Ari Plikat

Ein Handicap bringt mehrerlei dramaturgischen Extraprofit: Erstens ein bisschen Mitleid (»Der Arme, der kann nicht loofen!«), zweitens ein Geheimnis (»Wie ist dem denn das passiert?«) und drittens eine überraschende Sensibilität (»Siehste, loofen kann er nicht, dafür kann er sehr weit kieken – hat alles sein Gutes!«). Also, mit einem behinderten Kommissar kann gar nichts schiefgehen.

Da kann der blinde Angler die Fische am Schwimmgeräusch erkennen. Wer das Glück hatte, als Autist geboren worden sein, wird Stargeiger oder wenigstens Sternekoch. Die neuen Serien-Helden sitzen im Rollstuhl (der smarte neue Chirurg in der Klinikserie »In aller Freundschaft« ist seinen Kollegen im OP, wenn er den Rollstuhl hochfährt, buchstäblich überlegen) oder sind blind ( in »Wir sind Anwalt« riecht die Anwältin förmlich die juristischen Fallstricke).

Damit erlangen die Ermittler Begabungen, die bisher dem Tierreiche vorbehalten sein mussten: Hören wie eine Fledermaus, sehen wie ein Adler, Gegenstände mit den Zähnen fangen wie ein Delphin. Major Peter Palfinger (Florian Teichtmeister) in der ZDF/ORF-Krimireihe »Die Toten von Salzburg« ist cooler, attraktiver und charmanter als seine Kollegen. Und Salzburg ist anscheinend eine absolut barrierefreie Vorzeigestadt. Tatsächlich wird für Kollegen und Zuschauer der Rollstuhl nicht nur zur Nebensache, sogar zum Bonus! Auslegeware an der Türschwelle? Kein Problem! Kein Fahrstuhl bei der Täterverfolgung in den dritten Stock? Dann lassen wir den Täter eben im Parterre hausen! Und wenn er doch mal weglaufen muss? Dann ist er schneller, kann ja rollen. Major Palfinger rollt ganz selbstverständlich von einem Verdächtigen zum nächsten. Wie er in das Auto gehievt wird und wieder in den Rolli kommt, sieht man nie. Auch nicht, wer ihm auf die Toilette hilft. Das wäre auch unschön – ein Kommissar, der sich von einer jungen Kollegin schleppen lassen muss. Major Palfinger lacht seine Behinderung einfach weg. »Kommen Sie mal zu mir runter!« oder »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, bleibe ich mal sitzen …« (Diesen »Rollstuhlwitz« gibt es, seit Rollstühle im Fernsehen rollen.) Seine Kollegen sind Musterknaben der Inklusion. Wann nämlich ist in der Fernsehdramaturgie die Inklusion großartig gelungen? Wenn die Szene kommt, wo die Kollegen »gar nicht mehr sehen« oder »schon ganz vergessen haben«, dass der andere im Rollstuhl sitzt. Oder blind ist; das ist dann oft Anlass für ein herzliches Gelächter: »Ich guck mal schnell aufs Handy, und du sagst mir, wann die Ampel grün ist.«

»Ich bin blind, schon vergessen?« »Scheiße, ja – dann guck du aufs Handy!« Ha, ha, ha. Übrigens: Das Coming Out des Chefs, Kriminalkommissar Hubert Mur (Michael Fitz) ist da schon ein größeres Problem: Besser im Rollstuhl als schwul – zumindest bei der Polizei und erst recht in Salzburg.

Kommissar Haller, in »Blind ermittelt« (ARD), wird von seinem persönlichen Assistenten unterstützt. Dieser profitiert natürlich auch von der Überlegenheit des Blinden. Denn Nikolai ist nur ein einfacher Berliner Taxifahrer, der dem genialen Kommissar das Augenlicht leiht.

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Wie selbstverständlich hält der Assistent dem blinden Kommissar die Hand beim Schießen und zieht ihn am Arm bei der Verfolgungsjagd durch Wien. Natürlich ist dieser Sehende viel dümmer als der Blinde, sonst könnte ja er den Job selber erledigen. Besonders verrückt wird es, wenn der blinde Kommissar Haller zum Ninja-Kämpfer wird. Angeblich soll es ihm, der sich nicht einmal einen Kaffee eingießen kann, »sein Instinkt« ermöglichen, den gut trainierten Bösewicht zusammenzufalten. Ein Instinkt, den nur Blinde entwickeln.

Einen volkserzieherischen Mehrwert hat der Behindi-Krimi: Jede hinzukommende Figur outet sich direkt als schlechter Mensch, sobald der Inklusions-Kommissar erscheint. Die Dummen, Intoleranten und Unmoralischen wischen blöd vor Kommissar Hallers Gesicht herum, fassen sich vor ihm an die Hoden oder ziehen blöde Grimassen.

Manchmal entschuldigen sie sich später – »Oh, ich habe sie wohl unterschätzt« – im Namen aller guten Zuschauer für deren Vorurteile. Hallers Beschützer, sein Chauffeur und Assistent, darf auch mal grob sein und wie ein einfacher Mensch reagieren. Er ist sein Engel und eigentlich sein Pfleger (siehe das Klischee aus »Ziemlich beste Freunde«!). So eine Konstellation ist die Garantie für jede Menge Sentiment: z.B. wenn der einfache Niko seinem Pflegling den Sonnenaufgang beschreibt, um ihm seinen Lebensmut zu erhalten.

Bemerkenswerterweise werden Behinderte fast nie von Behinderten gespielt. Das Gedicht einer Farbigen soll aber nicht von einer Weißen übersetzt und Ulrich Tukur darf nicht zum Othello geschminkt werden. Da ist noch viel zu tun … Und irgendwie ist das alles falsch, aber ein »heute«-Moderator im Rollstuhl, eine blinde ZDF-»Sommergarten«-Moderatorin, ein Quizmaster mit Downsyndrom – traut euch, liebe Fernseh-Leute!

FELICE VON SENKBEIL

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