Männer, die in Wälder scheißen

Wir leben in einer hochzivilisierten Welt mit vielen Annehmlichkeiten wie WC-Duftsteinen und Toilettensitzen. Doch immer mehr Menschen versuchen, sich Auszeiten vom bequemen sanitären Leben mit seinen artifiziellen Keramikwelten zu verschaffen. Aus Abenteuerlust und Freude an der Natur wollen sie den Toilettengang im Freien verrichten. Solch eine Unternehmung scheint aus nachvollziehbaren Gründen größtmögliche Erholung zu versprechen. »Bushcrafting« heißt der dazu passende Trend. Unter diesem Begriff veröffentlichen vor allem Männer Lehrvideos auf YouTube, die alle mit dem Stuhlgang in der Wildnis einhergehenden nötigen Fertigkeiten vermitteln. Dabei darf die Bushcrafting-Ausrüstung natürlich nicht fehlen.

Der YouTuber und Bushcrafter Hinnerk Schulz, der in der Szene schlicht und ergreifend »Hinsch« heißt, gewährte einen Einblick in seinen Zeitvertreib.

Erleichtert lange Wanderungen auf matschigen Wegen kolossal: der Chrysler Monstertruck mit 2000 PS.

»Das bringt hier nichts«, sagt Hinsch und wirft den halbverwesten Waschbärenkadaver wieder zurück ins Gestrüpp. Zwar sei es eine gute Strategie, Insekten aus Aas zu picken, denn das gebe dem Körper viele hervorragende Proteine, aber damit seine Verdauung richtig in Schwung komme, brauche er mehr als fünf mickrige Maden. Manchmal habe er Glück. Dann finde er einen wildwachsenden Weißkohl, den er als Sauerkraut einlegen könne. Auch wenn es ein bisschen dauere, bis der gegoren ist, sei das ein wahres Highlight für jeden Bushcrafter-Darm.

3 Monate – nur 8 Euro.

Heute wird Hinsch keinen Kohl finden. Nach einem dreistündigen Fußmarsch beschließt er zu lagern. Er zerbröselt ein paar trockene Eicheln, vermischt sie mit Sand und gewinnt so einen ballaststoffreichen Mehlersatz. Mit ihm möchte er über einem Lagerfeuer ein Brot backen. Zu diesem Zweck hat er einen Feuerstein und zwei Liter DIY-Spiritus dabei, den er aus selbstgebohrtem Erdöl hergestellt hat.

Hinsch geht mit äußerster Vorsicht zu Werke. Als der Wald um ihn herum nach einer Weile in Flammen steht, weil sich der Torfboden unter seinem Lagerfeuer entzündet hat, baut er jäh sein Lager wieder ab. »Wenn es brennt, kann man hier nicht schlafen. Das ist zu gefährlich!«, sagt er mit ernstem Blick. Das lehre ihn die Erfahrung aus unzähligen Touren. Der Bushcraft-Profi zieht augenblicklich weiter, um an einem geeigneteren Ort auf seine Verdauung zu warten. Als er an einem Wassergraben vorbeikommt, trinkt er aus ihm. Ein Durchfall, hervorgerufen durch Coli-Bakterien, könnte die Unternehmung für ihn entscheidend beschleunigen.

Doch nichts geschieht. Durch das lange Wandern kreisen seine Gedanken. Er nimmt die GoPro-Kamera (429,28 Euro) vom Kopf und filmt sich beim Monologisieren über dieses und jenes. Den Film wird er später schneiden und online stellen. Dann erfahren Millionen seiner Fans, wie man Toilettenpapier aus Laub herstellen kann, indem man es von Bäumen abreißt.

Schließlich kommt er darauf zu sprechen, dass Bushcraft immer populärer wird. Das weckt Begehrlichkeiten. Viele Outdoor-Ausrüster wittern das große Geschäft. Aber es dürfe niemals nur ums Geld gehen, sagt Hinsch, sondern einzig und allein um dieses geile Einhand-Taschenmesser namens Microtech Socom Elite S/E DLC Standard für angemessene 453,93 Euro. Für das man einen Zwei-Prozent-Rabatt bekommt, wenn man es noch heute bestellt. Ohne das könne er sich nicht mehr vorstellen, in den Wald zu machen. Die scharfe Klinge schütze nicht nur vor überraschenden Eichhörnchenangriffen, die an die Nüsse ranwollen, wenn man wehrlos mit heruntergelassener Hose im Wald hockt, mit ihr könne man auch problemlos Klabusterbärchen abrasieren.

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Plötzlich ein Grummeln. Hinsch fasst sich an den Bauch. Da hört man es noch mal. Es ist eindeutig: Zwei Rückwärtspupse steigen in seinen Eingeweiden von unten Richtung Magen auf. »Toll«, flüstert er andächtig. Der Moment, auf den er so lange gewartet hat, scheint nicht mehr allzu fern zu sein. Er beginnt hastig, mit einer Machete im Unterholz zu schlagen. Mit etwas Glück kann er sich noch eine ansehnliche Latrine aus Stöcken zurechtzimmern.

Doch sein Körper reagiert nicht wie vorgesehen. Der Bauch des Bushcrafters bleibt in der folgenden Zeit stumm. Die Toilette glänzt derweil komplett fertiggestellt in der Abendsonne. Hinsch sitzt Probe. Im Dickicht der Brandenburger Flora kann man nur sein hochrotes Gesicht erkennen. Der Rest des Körpers bleibt unsichtbar, weil er komplett mit Flecktarn bedeckt ist und mit dem zarten Grün der austreibenden Bäume verschwimmt.

Hier zu sitzen sei für ihn das ultimative Erlebnis, sagt er. Das sei der Grund dafür, dass er das Bushcraften so liebe – und zwar alles daran! Klar sei es toll, wenn das mit dem Koten klappt. Aber es gebe auch einen großen Haufen anderer Dinge, die ihm an der Sache gefallen. Es mache ihm zum Beispiel Spaß, die Überlebenstechniken zu erlernen. So habe er durchs Bushcraften gelernt, wie man einen abseilen könne.

Zu Hause in der Stadt würde er sich manchmal fühlen, als führe er ein degeneriertes Dasein. Der Mensch sei eben nicht dazu geschaffen, über einer Kanalisation zu leben. »Das hier im Wald ist dagegen das wahre Leben«, sagt er und schaut flüchtig auf seine fēnix® 7-GPS-Sportuhr von Garmin (899,99 Euro), um seine Position zu orten. »Dort, wo es keine Dixi-Klos gibt und die nächste Autobahnraststätte mit ihrer Sanifair-Toilette mindestens drei Kilometer entfernt ist, fängt die Freiheit an«, sagt er selig lächelnd.

Hinsch ist überzeugt: In der Natur darf man noch ein echter Mensch sein mit seiner Therm-a-Rest-NeoAir-Xlite-Lemon-Curry-Isomatte zum UVP von 190 Euro (bei Globetrotter gerade für 174,25 Euro!!!), die eine Supersache sei, wenn sie nicht ständig delaminieren würde. Hier kann man noch mit dem Bushcraft-Essentials-Bushbox-LF-Titanium-Hobo-Kocher für 125,90 Euro Feuer machen, wie es unsere Vorfahren einst in den Höhlen taten. Danach verkriecht man sich in sein Hilleberg-Soulo-Einpersonenzelt (885 Euro), um Kräfte für den nächsten Stuhlgang zu sammeln.

Manchmal, wenn er nicht die Zeit dazu habe, in die Natur zu flüchten, erzählt Hinsch, krauche er sogar mit einer Packung Taschentücher in einer urbanen Parkanlage unter einen Rhododendron. Aber das sei eben nicht dasselbe. Schon deshalb, weil man immer auf der Hut sein müsse vor dem Ordnungsamt. Hinsch seufzt gequält. Und noch einmal. Dann schlägt er mit der Faust begeistert auf seinen Kackthron. »Komm mal ran«, sagt er stolz. Und nach einem prüfenden Blick in Hinschs Bauwerk steht fest: Diese Tour war ein sehr großer Erfolg.

ANDREAS KORISTKA

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