Vor langer, langer Zeit

FERNSEHEN

Es war einmal vor langer Zeit, als das öffentlich-rechtliche Fernsehen noch mit Geld umherschmiss, als sogar für Kinder große Fantasie-Eventfilme produziert wurden, die auch noch weltweit erfolgreich waren. Kassenschlager wie »Die endlose Geschichte« oder »Momo« sind lange her und unerreichbar. Dafür setzen die Sender heute auf Klassiker. Märchen, am liebsten die der Grimm-Brüder.

Da kann man schließlich nichts falsch machen. Das ZDF bringt in der Reihe »Märchenperlen« regelmäßig neue Kitschstreifen in die Mediathek. Der MDR ist der Märchen-König im Öffentlich-Rechtlichen. Besser als Stasigeschichten, Ostalgiedokus und Schlager aus dem DFF-Archiv ist das allemal. Über Täter und Opfer gibt es keine Diskussion und die Heimat kommt in den Filmen immer gut zur Geltung. Hübsch restaurierte Burgen geben die perfekten Kulissen für süße Jungschauspielerinnen, die schon immer mal Prinzessinnen und Prinzen sein wollten. Auch bekannte Fernsehgesichter sagen zu einem Märchendreh nicht nein. Da stimmen die Wiederholungshonorare und Kritik gibt es selten. Egal wie billig und lieblos produziert wurde, es sind nur Märchen, die mag doch jeder. Gutgläubig klicken Eltern sonntagmorgens »Die goldene Gans« oder »Rapunzel« für das medienaffine Kind an, um noch etwas »Qualitytime« mit dem Partner im Bett genießen zu können.

Lilli Bravo

Aber die Klassiker haben es in sich. Grimms Märchen würden heute niemals eine FSK-0-Freigabe bekommen. Es wird gemordet ein unschuldiges Reh (»Schneewittchen«), es wird entführt (»Rapunzel«, »Dornröschen«) und wahrscheinlichen auch missbraucht, dass der Märchenwald wackelt. Zwangsehen sind an der Tagesordnung (»Prinzessin auf der Erbse«, »König Drosselbart«), und kinderliebende Seniorinnen werden bei lebendigem Leib im häuslichen Herd verbrannt …

Märchen sind deutsches Kulturgut, da darf man das. Und besonders praktisch: Es gibt immer eine Moral hinter der Gruselgeschichte.

Wie blutig es unterwegs auch zugegangen ist – das Gute ist im Recht. Natürlich müssen manche moralischen Unschärfen dann, wenn die Eltern ausgefummelt haben, kindgerecht eingeordnet werden: Durfte der Jäger bei »Rotkäppchen« im geschlossenen Raum die Waffe gebrauchen und ein wehrloses (schlafendes) Lebewesen rüde erledigen? Warum kamen die Eltern, die Hänsel und Gretel in den finsteren, kalten Wald schickten, nie vor Gericht?

Außerdem sind pädagogisch richtige Lehren aus der Handlung zu ziehen: »Was hat das dumme Rotkäppchen denn falsch gemacht? – Richtig, es hat die Oma mit Alkohol versorgt, was ihre baldige Genesung sabotiert hätte.« Und bei »Rumpelstilzchen« – verschenkt man etwa sein eigenes Kind, nur weil man nicht auf Bürgergeld landen will?

In zahlreichen Märchen werden die Damen dadurch aus ihrem Schicksal erlöst, dass sie einen Mann finden. Der Mann ist immer der Erlöser – aus der Jungfräulichkeit oder der Fronarbeit (»Aschenputtel«), zumeist beides. Manchmal macht der noch Verkleidungsspielchen, um die Moral der Frau zu testen (»König Drosselbart«). Einmal wird die Schöne sogar zur Sodomie gezwungen und muss es mit einem Frosch treiben (»Der Froschkönig«). Als Beweis dafür, dass sie im Bett auch zu den ekelhaftesten Dingen bereit ist. Aber schlussendlich entpuppen sich alle diese Knaben als reich, schön und von edlem Geblüt.

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Gegen die Gebrüder Grimm hat kein Drehbuchautor von heute eine Chance. Sollte er oder sie beispielsweise mit dem brennenden gesellschaftlichen Problem des Kannibalismus beim Sender vorstellig werden, wäre sie oder er schnell wieder draußen.

Um so mehr ist der Mut und die Kreativität der Schöpfer von »Hänsel und Gretel« zu bewundern! Zur Kindesaussetzung des Geschwisterpärchens, die obendrein zum Verzehr vorgesehen sind, kommt noch ein fürchterlicher Mord. Es ist immer wieder faszinierend, mit welchem Gleichmut eine Dreijährige das Finale dieser Fressen-oder-gefressen-werden-Geschichte zur Kenntnis nimmt. Die Oma wird im Ofenloch verbrannt, na und? Hauptsache, die Geschwister kommen heil wieder zu ihren lieben Eltern, die sie vor ein paar Tagen ausgesetzt haben.

Die Bibel, der Koran und die Märchen der Gebrüder Grimm – da sind alle Grausamkeiten der Neuzeit schon versammelt. »Es war einmal vor langer, langer Zeit, da lebte …« – so fangen viele Märchen an. Aber so lange ist das gar nicht her …

Aber jetzt – husch, husch ins Bettchen! Und spät abends läuft dann »Hitlers willige Vollstrecker« nach den »Tagesthemen«.

FELICE VON SENKBEIL

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