Unbefleckte Empfängnis

Bürgergeldempfänger sind ein ganz eigenes Völkchen

Sie sind scheu, dennoch manchmal im Anglerverein oder in der FDP. Einige haben auch einen Bibliotheksausweis oder singen im Chor. Im Straßenbild fallen sie nicht auf. Scheint die Sonne, sitzen sie auf Bänken, bewölkt es sich, huschen sie ins Gehäuse. Manchmal sieht man einen der ihren in einen Papierkorb stieren, als suche er darin den Stein der Weisen oder die goldene Kugel.

Jan Tomaschoff

Sie gehören hierzulande zu einer monolithischen, unverschämt privilegierten Kaste. Sie erkennen einander an ihren Seufzern – »Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig« –, wenn sie Lebensmittel empfangen, for free: Marmelade, Fruchtzwerge und Lauch. Sie plagen sich nie mit einer Steuererklärung, denn sie zahlen – vergleichbar den Besitzern mächtiger Konzerne – keine Steuern. Man macht ihnen die Bude warm, zahlt ihnen die Bahn, das Kino, das Zahnimplantat, ihre Kinder, das WWW, die Fernsehgebühren, den Inflationsausgleich – ihr ganzes Leben eben (aber nicht den Puff, das hat ein Gericht vor Jahren letztinstanzlich untersagt).

Sie streiken nie für Nacht- und Sonntagszuschläge oder bezahlte Pinkelpausen. Ob Überstunden entlohnt werden oder nicht, darf ihnen egal sein. Sie müssen nicht innerhalb von acht Stunden alle Pakete verteilt, alle Hintern und Korridore gewischt oder alle Mülltonnen entleert haben. Sie betreten nie ihr Homeoffice. Sie wissen oft gar nicht, wie spät es ist. Das Dienstwagenprivileg genießen sie nicht und sie fallen, falls verehelicht, auch nicht unters Ehegattensplitting.

Ihre Kaste hat keinen richtigen Namen, weil es die »Unberührbaren« schon in Indien gibt. Eine Zeit lang nannte man sie liebevoll Hartzis, hat ihnen ihr Dolce Vita aber missgönnt. Heute heißen sie nur noch »Empfänger« oder »Leistungsempfänger«. Das Empfangen – das ist sozusagen ihre Erwerbsbiografie. Die Frauen unter ihnen dürften sich gut und gerne »Empfangsdame« nennen, das wäre nicht gelogen. Fragt man die künstliche Intelligenz, wie Bürgergeldempfänger in Deutschland genannt werden, so antwortet die: »Diejenigen, die Bürgergeld empfangen, werden oft als ›Bürgergeldempfänger‹ oder als ›Empfänger von Bürgergeld‹ bezeichnet.« Es ist nicht bekannt, ob oder dass Bürgergeldempfänger ihr Gewissen angesichts regelmäßig empfangbarer Leistungen mit Skrupeln beflecken. Es erfolgt wohl eher eine unbefleckte Empfängnis. Lediglich in öffentlich-rechtlichen Reportagen hört man Leistungsempfänger von ihrem Traum erzählen, endlich »nützlich« zu werden.

Ihre Zahl beträgt 5,5 Millionen, inklusive 700 000 Ukrainer sämtlichen Geschlechts. Die Hälfte von ihnen ist aus Ländern zugezogen, in denen es diese Kaste gar nicht gibt.

Warum tanzen sie nicht auf den Straßen, schreien ihr Glück heraus, umarmen morgens um vier die Bäckersfrau, die den Brötchenteig knetet, und lachen den Fahrradkurier aus?

Vielleicht können sie ihr Glück nur noch nicht fassen.

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Ob man Menschen, die dem kapitalistischen Vernutzungsgebot entronnen sind, die sich durch ihre beharrliche Existenz jenseits aller erbärmlichen Dienstfertigkeit für einen Arbeitgeber ein lebenslanges bedingungsloses Grundeinkommen quasi »erarbeitet« und mit dem Überleben ohne Arbeit auch etwas »geleistet« haben – ob man diese Pioniere einer kommenden glücklicheren Zeit (des Kommunismus), diese »Sieger der Geschichte«, wie sie Erich Honecker wohl nennen würde, jemals wieder in das Joch der Fünfundreißigstundenwoche, mit arbeitsfrei am Tag der Deutschen Einheit, prügeln kann?

Träumen Sie weiter, Minister Hubertus Heil! Nicht für Geld und gute Worte.

MATTI FRIEDRICH

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