Der Untergang eines Zeitgeistphänomens

Aus der Funzel-Ausgabe 09/2021

Foodporn-Filmer Rolf »Rolli« Mops (147 kg) blickt mit Wehmut auf die alten Zeiten zurück. »Damals in den 80ern«, erzählt der gelernte Hobbyfotograf, »habe ich die abzulichtenden Gurken und Venusmuscheln noch auf dem Silbertablett serviert bekommen.« Nach seinen mit Schwarte auf Hochglanz getrimmten Aufnahmen hätten sich die Leute die Finger geleckt. Durch die Zusammenarbeit mit Foodporn-Stars wie Gina Wildbret und der zuckersüßen Lolli Buster sei er dann selbst auf den Geschmack gekommen: »Nicht selten habe ich erst gefilmt und anschließend das eine oder andere Früchtchen noch an Ort und Stelle vernascht.«

Doch die fetten Jahre (1990 – 1992: 185 kg) sind für Mops längst vorbei. »Heute kann jeder mit seinem Smartphone ein Foto seines unappetitlichen Tofuwürstchens machen und ins Netz stellen«, knurrt er mit seinem Magen. Die Unersättlichkeit der User nach immer neuen Melonen, Pflaumen und Bananen hat zu einer Vielzahl von verwässerten Low-Carb-Budget-Produktionen geführt. Schmuddelseiten wie lieferando.de tischen mittlerweile nicht nur klassische Wünsche wie »Junges Gemüse« oder »Cock au vin« auf, sondern bedienen auch bizarre Foodporn-Fantasien wie »Fressorgien«, »Braten in der Röhre« oder »Granny Smith«.

Noch ganz andere kulinarische Abgründe tun sich im Darknet auf. Dort schrecken Kriminelle auch vor Aufnahmen von Haggis, Ochs am Spieß oder Babybrei nicht zurück. »Da kann einem der Appetit schnell wieder vergehen«, weiß Mops aus eigener Erfahrung zu berichten. Inzwischen hat er sich aus der Foodporn-Filmerei weitgehend zurückgezogen. »Ich arbeite jetzt am Drive-in-Schalter bei McDonald’s«, berichtet Mops. Dort kann er nach eigener Aussage von seinen früheren Erfahrungen als Essensfotograf profitieren: »Es ist wie immer: Appetit holt man sich auswärts, gekotzt wird zu Hause.«

DS

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