Der Pflanzenpass

Als ich den Blüten-Salbei in meinen Händen hielt, ging das Glück in meinem Herzen auf wie die Knospe eines Lippenblütlers an einem Junimorgen. Viel hatte der Lockdown mir abverlangt. Alles Schöne und Gute war verboten, die Theater zu, die Museen geschlossen genauso wie die Fußpflege-Studios. Das hält keiner aus. Die vielen Spaziergänge, die ich auf meinen ungepflegten Füßen absolviert hatte, trösteten mich nicht darüber hinweg, dass alles, was mein Leben bisher bestimmte, nicht mehr war. Die Erkältungskrankheiten, die man sich aus der U-Bahn mitbrachte, die Restaurant-Besuche, bei denen einem der freche Kellner heimlich in die zerkochten Cannelloni rotzte und die unangekündigten Besuche der Schwiegereltern. All das fehlte mir schrecklich.

Ari Plikat

Ich war für jede kleine Abwechslung dankbar, und so tauchte ich ein in die Literatur über Hummeln und Bienen. Warum Hummeln? Ich wusste es nicht. Doch wenn die Hummeln sterben, so erfuhr ich, sterben auch wir Menschen. Wir alle. Meiers von nebenan genauso wie die Bundeskanzlerin oder Bushido. Der Gedanke beunruhigte mich. Das durfte ich nicht zulassen. Sollten wir alle Corona überleben, nur um später elendig zu krepieren, weil niemand mehr da wäre, der unsere Erdbeeren bestäubte? Ich musste ankämpfen gegen dieses apokalyptische Szenario! Im Frühling – Corona war immer noch in vollem Gange – beschloss ich, einen hummelgerechten Garten vor unserem Mietshaus anzulegen, so wie man das von mir als Bewohner eines kleinen Berliner Stadtteils im Spannungsfeld zwischen extremer Hipness und ökologischem Bildungsbürgertum erwartete.

Auf Stachys officinalis, Campanula trachelium, Echinops bannaticus und Salvia nemorosa fiel die Wahl. Das, so war zu lesen, sei genau nach dem Geschmack der Stadthummeln. Ich bestellte. Die Baumschule Horstmann schickte alles ökologisch korrekt verpackt. Die Kugeldistel war noch nicht gepflanzt, da erhielt ich eine
E-Mail: »Hallo Herr Koristka, zu Ihrer Bestellung 7885487421 senden wir Ihnen im Anhang die Pflanzenpässe Ihrer erworbenen Pflanzen gemäß Pflanzengesundheitsverordnung (EU) 2016/2031.«

Von Pflanzenpässen hatte ich noch nie etwas gehört. Aber ihre Existenz leuchtete mir ein. Eine Pflanze kann nicht sprechen. Wie sollte sie den Behörden ihren Namen preisgeben können, wenn sie nach ihm gefragt wurde? Wie sollte sie ihre Adresse nennen können, den Geburtsnamen ihrer Mutter, die Adresse ihres Finanzamtes und ihre Steueridentifikationsnummer? Wie sollte gar eine Pflanze um eine erweiterte Meldebescheinigung oder um eine beglaubigte Abschrift aus dem Geburtenregister bitten? Ich verstand, dass eine Pflanze meines Vorgartens ein Dokument brauchte, damit ich sie ausweisen konnte. Gottlob bin ich ein sehr gewissenhafter Mensch. Wer wie ich in Preußen groß geworden ist, der hat einen angeborenen Sinn für Ordnung und Pflichterfüllung. Mir anvertraute Aufgaben erledige ich deshalb in aller Regel vorfristig, ich gehöre zur alten Schule der Jeansbügler und kratze mir mindestens ein Mal wöchentlich den Bauchnabel aus. Fein säuberlich druckte ich deswegen die Pflanzenpässe aus, föhnte die Druckertinte trocken und heftete die Pässe im eigens angelegten Aktenordner ab, dem ich mit einem schwarzen Edding die Beschriftung »EU-Pflanzenpässe« gab und alphabetisch im Regal zwischen den Ordnern »Ehe« und »Frisörbelege« einordnete.

Ein paar Tage später klopfte es. Jemand musste mich verleumdet haben. Ein Mann, den ich noch niemals gesehen hatte, stand im Hausflur.

Er war schlank und doch fest gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid, das ähnlich den Reiseanzügen mit verschiedenen Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war. »Was wünschen Sie?«, fragte ich verblüfft. Der Mann drehte sich um und sprach zu jemandem, den ich nicht sehen konnte, den ich aber eine halbe Treppe tiefer stehend vermutete. »Was wir wünschen, fragt er.« Ein kleines Gelächter folgte, es war nach dem Klang nicht sicher, ob nicht mehrere Personen daran beteiligt waren.

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»Ihre Pflanzenausweise, bitte!«, verlangte der Mann an der Tür. »Einen Moment«, antwortete ich und wandte mich ab, um die Dokumente aus meinem Aktenregal zu holen. Dass ich dabei nicht die Tür schloss, war ein Fehler, den ich sofort bereute. Denn schon stand der Mann in meiner Wohnung und begutachtete meine Suche nach den Dokumenten mit wachen Blicken. Ich ging die Aktenregale in unserem Schlafzimmer mehrmals durch. »Das kann nicht sein«, sagte ich. »Ich bin sicher, dass ich sie hier eingeordnet habe.« Der Mann schien nicht überrascht. »Nur die Ruhe. Wenn Sie sie tatsächlich eingeräumt haben, dann werden Sie sie auch finden«, sagte er. Er strich die Decke glatt und setzte sich mit übergeschlagenen Beinen auf unser Doppelbett.

Der Schweiß stand mir auf der Stirn. Hatten die Kinder die Pflanzenpässe entwendet? Warum sollten sie das tun? Und wo waren sie eigentlich? Und wo war meine Frau, die schon längst nach ihrem Termin beim Arzt hätte zu Hause sein müssen? »Es ist mir höchst unangenehm, aber augenblicklich kann ich die Dokumente leider nicht finden. Vielleicht können Sie morgen noch einmal vorbeischauen?«, bat ich den Mann. Das würde er gern, versicherte dieser. Aber die Vorschriften ließen es nicht zu. Das müsse ich verstehen. Er werde mich vorerst unter Arrest stellen müssen, bis diese Kleinigkeit, ein Missverständnis sicherlich nur, aus der Welt geschafft sei.


Ich nickte. Welche Wahl blieb mir? Man verschloss die Tür des Schlafzimmers. Bestimmt verlangte ich nach meinem Anwalt. Der werde mich sicherlich, so bald es ginge, besuchen, versicherte man. Doch es kam niemand. Erschöpft schlief ich ein.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war schon alles vorbereitet. Einige Herren standen neben mir. Einer von ihnen bat mich aufzustehen. Er legte mir die Hand auf die Schultern und sagte, dass der Richter nun sein Urteil gefällt habe. Ich stand wie benommen da und schaute auf die Straße. Wenn ich dicht ans Fenster ging, konnte ich unseren Vorgarten sehen. Die Stimmen der Herren vernahm ich nur noch wie durch eine dünne Wand. »40 Euro Verwarngeld«, hörte ich es hallen. Mir wurde schwindelig. Die Hummeln im Vorgarten vor unserem Haus summten fröhlich umher. Sie taten, als seien sie an der ganzen Geschichte gänzlich unschuldig.

ANDREAS KORISTKA

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