Willkommen in der modernen Welt

Leipzig ist eine der wenigen Städte, die auch im vergangenen Krisenjahr einen Bevölkerungszuwachs verzeichneten. Wer in den brodelnden Hotspot ziehen möchte, bekommt es mit der »Moder Verwal Leipz« zu tun, wie es auf dem Bildschirm des Bürgeramts heißt. Direkt vor Ort geht gar nichts ohne Termin. Die Verwaltung hat das Internet entdeckt. Aber auch online läuft nicht viel. Bei allen 15 Bürgerämtern der Stadt sind auf Monate keine freien Termine im Kalender vermerkt. Was tun? Immerhin macht die Stadtverwaltung gehörig Druck, wenn sie darauf hinweist, dass sich Neubürger innerhalb von fünf Wochen melden müssen. Später wird es eine Ordnungswidrigkeit.

Ein Anruf beim Amt selbst schafft Klarheit: Termine gibt es schon, sie werden täglich zwischen acht und zwölf Uhr freigeschaltet – jeweils für den aktuellen Tag. Blöd, wer da nicht spontan alles stehen und liegen lassen kann, um zum Bürgeramt zu eilen. Die Behörde beruhigt: »Das geht nicht nur Ihnen so.« Außerdem: Wer wirklich so sehr beruflich eingespannt ist, dass er das »Dienstleistungsangebot« nicht spontan wahrnehmen kann, darf gern auch am Samstag vorbeikommen. Statt Ausschlafen heißt es dann: morgens um acht die Website checken, Termin auswählen und den Kaffee to go im Warteraum des Bürgeramts schlürfen. Punkt acht Uhr tut sich aber nichts auf der Website. Am Telefon wird gelacht: Tja, es ist ja auch Donnerstag und donnerstags geht es im Bürgeramt erst 13 Uhr los. »Wussten Sie das nicht?« Also zwölf Uhr ein nächster Versuch und tatsächlich sind jetzt vier Termine frei. Doch kaum hat man seine Personaldaten eingegeben, erscheint der Hinweis, dass der ausgewählte Termin inzwischen anderweitig vergeben wurde. Erst beim dritten Termin ist man schnell genug für die Behörde.

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Die Digitalisierung erreicht vor Ort allerdings ihre Grenzen: Die Reservierung wird im Amt anhand einer ausgedruckten Liste überprüft. Der Mann von der Security bringt den papiernen Warteschein. Und die Formulare müssen natürlich ausgedruckt werden. Die Unterschrift erfolgt dann wieder digital. Sie muss zwar wiederholt werden, weil das Gerät spinnt. Aber immerhin. »Woher kommen Sie, aus Halle?«, fragt die Dame hinter der Plexiglasscheibe. »Naja, wir sind hier eben in einer Großstadt. Da ist es schon ein bisschen moderner.«

BS

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