Der Wixer

»Wixer!« war das einzige Wort auf der Schülerstreik-Demo gegen die Wehrpflicht, das mir galt. Ich habe mich entschieden, es – in Abweichung zum Duden – mit X zu schreiben, weil es genau so gemeint war: Wie Auswurf wurde es mir entgegengeschleudert, wie Verdammnis und Verbannung. Nicht nur einmal. Beim zweiten Mal nahm es schon zaghaft grammatische Gestalt an und trug mit sich einen Hauch von Empathie: »Du Wichser!«

Da gab es kein Vertun – ich war gemeint.

Der »Wichser« kam aus dem Munde einer eigentlich recht hübschen jungen Frau. Ich weiß, es ist gefährlich, über den Phänotyp einer weiblichen, zudem jugendlichen Person zu schwadronieren, aber mach was – soll ich sie hässlich nennen?

Mario Lars

»Du Wichser!« – dieser gezischelte Unflat hat ihr Umfeld sogleich elektrisiert; die Friedensfreunde wurden ungesellig im Nahverhältnis, tendenziell kriegerisch. Ich ließ mich in der Demo zurückfallen, tauchte unter. Obige junge Frau habe ich übrigens in den Spätnachrichten wiedergesehen. Dort sagte sie erwartungsgemäß: »Der Wichser« – und wieder hatte ich das schambehaftete Gefühl, gemeint zu sein.

Aber eine Agenturmeldung stellte zeitnah klar: »Wichser«, so heißen im Jargon der schulpflichtigen Kriegsverweigerer einer oder mehrere Agenten eines nicht näher bezeichneten deutschen Geheimdienstes, der oder die im Vorfeld der Demonstration am Fahrradverkehr teilnehmende Schüler und Schülerinnen abgepasst und zum Absteigen gezwungen haben sollen, um sie mit Drohungen (*) von eventuell geplanten pazifistischen Ausschreitungen abzubringen.

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Programmatisch wäre die Manifestation der Unwilligen politisch wirkungslos geblieben, hätte sie nicht eine herzliche Bitte an den Herrn Bundeskanzler formuliert: »Merz, leck Eier!« Genial, diese Parole! Sie befeuerte einen ganzen Blumenstrauß von Assoziationen. Als politische Maxime läuft sie indes ins Leere, denn selbst wenn Merz Eier lecken würde – es fehlt ein Handlungskonzept: Wessen Eier soll er lecken, die der »SchülerInnen«? Seine eigenen? Die des Koalitionspartners? Wann? In der ARD oder im ZDF? Und ist der Mob, wenn seine Eier geleckt wurden, dann zufrieden?

Solche Unschärfen in der politischen Ansprache machte jedoch ein großformatiges Plakat, der Demo quasi vorangetragen, vergessen, welches dem Friedrich Merz anheimstellte, sich zeitnah an der Ostfront erschießen zu lassen. Das muss man den Kinderchen lassen – dieses Verlangen ist konsequenter als jede Rücktrittsforderung. Vor allem aber ist es konkret und – hätte Merz die Größe, ihm nachzugeben – wäre nachhaltig.

Eigentlich hatte ich genug. Da winkte mir Roger K. aus der erhitzten Menge heraus zu – ein Individuum, das kürzlich seinen kommoden Status als Arbeitsloser verloren hat, weil er zu viele Minijobs angehäuft hatte. Er sei hier, sagte er, weil es ihm um »unsere Jugend« zu tun sei, die mit ihrer Schlaffheit und Kriegsangst in die Irre gehe. Manchmal stelle er sich sogar den Jungen auf dem Fahrrad in den Weg und sie diesbezüglich zur Rede. Er riskiere dabei sogar »Kloppe«. Er tue das nicht für Geld, oh nein, allerdings gebe es von einer gewissen Behörde (verschwörerisches Zwinkern) eine kleine Aufwandsentschädigung, in der Höhe vergleichbar dem sogenannten Erfrischungsgeld für Wahlhelfer.

Während er so sprach, kam, von Roger unbemerkt, ein drahtiger Typ herbeigeschlendert, berührte im Vorbeigehen von hinten luftig Rogers Schulter, der drehte sich um und die beiden lachten einander zu.

Nicht mal unsympathisch, der Wixer.

MATTI FRIEDRICH

(*) Es stehen hohe Geldstrafen, 200 €, schon bei einmaliger Verletzung der Schulpflicht im Raum.

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