Das Kind ist möglichst am Körper zu tragen
»Eine Kinderkugel Mango in der Waffel!«
»2,50! Und der Nächste, bitte!«
Der Eisladen an der Ecke ist eine Goldgrube. Und es muss schnell gehen, die Saison ist kurz. Kaum eine Situation im Leben eines Kindes ist emotional herausfordernder als das Warten in der langen Schlange bei knalliger Sonne vor einem Eisladen. Die Gier nach dem süßen Kick, die Panik, eine falsche Sorte zu wählen, die Angst, Schlumpfeis könnte aus sein, und dazu im Rücken das Gejammer der zahlungspflichtigen Person.
An diesem Nachmittag, als wir endlich den schmalen Gang vor der Eisvitrine erreicht hatten, stand ein dickes Mädchen im Weg. Ihr Vater, ein Werbeagentur-Typ, mit Cap und Skaterschuhen, beugte sich zu ihr runter. Das Kind flüsterte ihm ihre intimsten Eiswünsche zu. Vielleicht berichtete sie ihm auch von ihrem Wochenende bei Mama oder zählte ab hundert rückwärts, jedenfalls dauerte es eine gefühlte Ewigkeit.

Die routinierte Eis-Dealerin schrie über die Theke: »Wer bekommt?« Doch der Vater ignorierte dieses Kommando eiskalt. Meine Kinder waren kurz davor, dem Typen ans Schienbein zu treten, da mischte ich mich ein.
»Entschuldigung, ich glaube, Sie sind an der Reihe!« Der Vater reagierte auch auf mich nicht. Erst als das dicke Mädchen auf eine Eissorte zeigte, wandte er sich zu mir um: »Was wollen Sie? Ich rede mit meinem Kind!«
Das ist natürlich wichtiger als alle wartenden Kinder vor dem Eisladen, denen der Speichel schon auf die Zehen tropft.
In meiner Kindheit hätten Eltern gesagt: »3-2-1 … also Schoko! Basta.« Im Kommunismus gab es nämlich nur drei Sorten Eis und von bedürfnisorientierter Erziehung hatten unsere Eltern keinen blassen Schimmer.
Satire & Humor per E-Mail
Der EULENSPIEGEL-Newsletter erscheint Dienstag und Donnerstag mit auserwählten Beiträgen.
Was das ist? Nun, das ist das Lustprinzip (Siggi Freud!), auf die Erziehung übertragen. Moderne Eltern der gebildeten weißen Mittel-schicht erziehen heute demokratisch und natürlich bedürfnisorientiert. Das bedeutet nicht nur, die Fütterung vorzunehmen, wenn das Kind schreit, und die Windel zu wechseln, wenn es stinkt – das wäre ja nur Basisversorgung. Nein, das bedeutet ganz, ganz nah beim Kinde zu sein und es quasi vergessen zu lassen, dass es nicht mehr an der Nabelschnur hängt. Dazu gehört, das Kind möglichst immer am Körper zu tragen – auch nachts – und zu stillen, bis das Mündel »Nein, danke liebe Mutter« sagen kann. Kurz: dem Kinde kompromisslos zugewandt zu sein und möglichst wenig Fremdbetreuung an die Brut zu lassen.
Das ist natürlich anstrengend – aber angesagt. Hätte der einfühlsame Vater sein dickes Mädchen im Eisladen auf den Arm genommen, hätte es sicher den Mut gefasst, ihren Wunsch schneller zu äußern. Autonomie, Selbstwirksamkeit, Kooperationsbereitschaft und vor allem Demokratie soll das Kind bei dieser Erziehung lernen. Mit etwas Glück werden aus diesen Kleinen schließlich entscheidungsfreudige, wiederum zugewandte Führungskräfte, flexible Politiker oder windige Anwälte.
Doch der Weg dahin ist lang und steinig, so wie der zum Spielplatz neben der Eisdiele. Einige Kinder gingen ohne Schuhe, weil sie es so wollten, andere ließen sich gleich tragen.

Meine Kinder schwiegen, denn sie ahnten, dass meine Laune wegen der fünf Euro fürs Eis schon im Keller war. Bedürfnisorientiert muss man sich leisten können. Kinder und Eltern hockten am Sandkastenrand und genossen den kurzen Moment der Ruhe. Der Zucker verteilte sich in den kleinen Körpern, schoss in die Gehirne und löste dort Blitze aus. Kaum waren die Waffeln leer, begannen die Ersten zu schreien. »Durst! Hunger! Pipi! Mama Arm!« Mütter tupften mit Feuchttüchern Münder ab, holten Brüste raus oder Apfelstückchen. Manche Kinder begannen zu klettern, auf den Eltern oder dem Klettergerüst.
Die bedürfnisorientierte Erziehung soll eigentlich die Bedürfnisse aller in der Sippe berücksichtigen, auch die der Haustiere, aber das klappt fast nie.
Jedes fünfte Elternteil leidet in Deutschland unter Parental Burn-out. Dann werden die netten, zugewandten Wünscheerfüller plötzlich ganz grantig. Überforderte Eltern brüllen rum, schließen sich im Klo ein und machen freiwillig Überstunden, bis zu Hause alle im Bett sind. Frauen weinen mit den Kindern mit und ergeben sich schließlich ihrer aufopfernden Mutterrolle.
Die große Angst, das Band zwischen Eltern und Kind könnte reißen, macht Nein-Sagen unmöglich. Statt Konflikten gibt es Co-Sleeping, also alle auf einer Matratze und Familienknuddeln morgens, mittags, abends.
Tabu sind plumpe Ansagen und unnötige Verbote. Statt »Hör auf, mich mit Sand zu bewerfen!« besser mit eigenen Gefühlen dagegenhalten: »Weißt du, Kaspar, das ist nämlich unangenehm für mich mit dem Sand im Gesicht, und das soll ja auch niemand mit dir machen.«
Aus dem EULENSPIEGEL Laden:

»Aber warum denn nicht?«
»Komm, ich erkläre es dir noch mal …«
»Aber ich will dich nun mal mit Sand beschmeißen …«
»Na gut, aber nur auf meine Beine, ja? Weißt du, die Beine sind nicht so empfindlich wie die Augen.«
Das Kind lernt so, einen Kompromiss zu akzeptieren, wird mit seinem Bedürfnis ernst genommen, und die Mutter kann vielleicht ihren Matcha Latte ohne Sand trinken.
Eine verschleierte Mutter mit ihren drei Kindern gesellte sich zu uns auf den Spielplatz. Die Mutter gab kurze und – wie mir schien – harsche Anweisungen. Die drei setzten sich brav nebeneinander, aßen zügig, ohne zu kleckern und ohne zu zetern ihr Eis auf. Die Mutter begann, laut zu telefonieren und keines der Kinder unterbrach sie dabei oder verlangte nach der Brust. Dann spielten die drei miteinander, halfen einander aufs Klettergerüst, fassten, als die Mutter ein stummes Signal zum Aufbruch gab, nach den Einkaufstaschen und trugen diese, während die Mama unentwegt kehlige Wörter in ein vermutlich weit entferntes Land ins Handy rief, nach Hause.
Neidvoll schauten wir hinterbliebenen Mütter den Vieren nach. »Die Bindung kann aber nicht so dolle sein«, sagte eine junge Mama neben mir. »Natürlich nicht«, sagte ich. »Keins der Kinder hat sie erklettert, das sagt doch alles! Und demokratisch geht es bei denen auch nicht zu.«
Ich pfiff meine Kinder heran, hängte ihnen meine Taschen um die Hälse und beendete den Nachmittag einfach so – ohne eine Belohnung auszusetzen, ohne Abstimmung und Diskussion.
Und das machen wir jetzt öfter.
FELICE VON SENKBEIL
AnzeigeAuslese
- Das Kind ist möglichst am Körper zu tragen
Felice von Senkbeil - Der Wixer
Matti Friedrich - Ist Deutschland internettüchtig?
Manfred Beuter - Alles ruhig bei den frühen Vögeln
Felice von Senkbeil - Hat prima geklappt
Matti Friedrich - Bitte mal die Flanke tätscheln!
FERNSEHEN Felice von Senkbeil - Mit einem Kaugummi durch die ganze Woche
Felice von Senkbeil - Fettes Deutschland
FERNSEHEN Felice von Senkbeil - Spende bei Auslass
Matti Friedrich

