Mit Reizen nicht geizen!

FERNSEHEN

Alles haben sie uns genommen! Die Creck-Süßtafel, den Zweitakter und nun auch noch den »Polizeiruf 110«. Von einer dreijährigen Produktionspause ist die Rede – vermutlich spekuliert der Sender auf das Frühableben der Kommissare … Auch etliche Lokalsendungen, in denen gekocht, geklöppelt, musiziert und gesächselt wird, sollen eingestellt werden. »Das ARD-Mittagsmagazin« sollte den Deutschen zur Mittagsstunde u.a. zeigen, dass in Ostdeutschland richtige Menschen leben. Es wird von einer reichen Anstalt in Westdeutschland übernommen.

Auch pompöse Schlagershows werden geschrumpft oder verschwinden völlig. Ross Antony, ein gleißender Stern des simplen Humors am Schlagerhimmel, wurde vor die Tür gesetzt und muss jetzt TikTok machen. Dabei hatte er sich als schrille Schunkel-Schwuppe so richtig in die Herzen der Schlagerfreunde gewanzt.

Es tut so weh! Und es wird noch schlimmer kommen, wenn die Rundfunkgebührenerhöhung abgeschmettert wird. Was bleibt dann übrig vom ostdeutschen Leit-Fernsehen?

Paul Pribbernow

»Unser Sandmännchen« natürlich, das ist so zäh wie Vogtländer Dürrfleisch und auch so beliebt. Außerdem muss es allabendlich als Indiz für die geglückte Wiedervereinigung aufmarschieren. Das »MDR Riverboat« und »Damals war’s«, mit Lippi, werden am Ende in die Insolvenzmasse einfließen.

Doch der MDR hat ein Ass im Ärmel – eine Reihe, die Deutschland bewegt, die jeden Cent Rundfunkgebühren wert ist: »Sagenhaft«, mit Axel Bulthaupt!

Bildstark, emotional und schier berstend vor Lebensfreude präsentiert der ehemalige »Brisant«-Moderator die – eben sagenhafte – Schönheit der deutschen Heimat. »Sommer in Mecklenburg-Vorpommern«, »Unterfranken«, »die heilenden Quellen im Osten«, »die Berge der Oberlausitz« u.s.w. Immer findet er was Liebenswertes, Entzückendes, Pittoreskes! Bulthaupt ist der Sonnenschein in Dunkeldeutschland. Ja, er verfährt sich auch mal in den Westen, wo die Menschen auch »ein bissl komisch sind«. Aber die hinreißendsten Geschichten findet der Axel bei uns, im Osten.

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Zum Beispiel in der Oberlausitz und deren Bergwelt. »Sie überragen nicht einmal die 800-Meter-Marke. Aber sie sparen nicht an Reizvollem, an Sagenhaftem …« Könnte man schöner über mittelhohe Berge sprechen?

»Mal sehen, wem ich hier begegne«, spannt er uns auf die Folter. Was für ein Zufall! Ein Drechsler aus Eibau bei Löbau bei Zittau läuft ihm geradewegs vors Mikrofon. Der ist der einzige Mensch mit Dreadlocks weit und breit (wie das mit dem Arbeitsschutz an der Drehbank zusammengeht, wird nicht thematisiert). Mit der Frage, aus welchem Holz der Drechsler wohl selber gern wäre, pirscht sich der Bulthaupt an die Kernbotschaft der Sendung heran: Jeder Mensch ist irgendwie verschieden – besonders hier, in der Oberlausitz.

Also, wie ist er denn so, der Oberlausitzer? Auf jeden Fall herzlich. »Herzlich« ist das Schlüsselwort für das Bulthauptsche TV-Schaffen. Das mag an ihm liegen, weil er selbst so herzlich ist: In all den Folgen von »Sagenhaft« ist ihm noch nie eine unherzliche Kreatur vor die Kamera gelaufen (Hofhunde und Rindviecher vielleicht ausgenommen).

Aber was ist Besonderes an Oberlausitzern? Sie sind rechte »Sturschädel«! Warum? Weil sie auf Granit leben! Die Landschaft ist schuld, sie schafft Mentalitäten. Fürwahr eine steile These, aber sie bewahrheitet sich bei jedem Ausflug, den Bulthaupt für den MDR unternimmt.

»Geht dir da das Herz auf?«, fragt der Bulthaupt den dreadlockigen Drechsler beim Blick über die landwirtschaftliche Nutzfläche, und resümiert gleich selbst: »Eine Region mit Reizen und Sorgen …«

Der Drechsler räumt ein: »Die Region ist politisch bisschen angespannt im Moment.« Und Bulthaupt hat einen Anfall von Investigativjournalismus: »Stimmt es denn, seid ihr Granitschädel trotzig?« »Deutschnational« zu sagen, traute er sich wohl nicht, aber der Dreadlockige hat schon verstanden: »Wir sind nicht fremdenfeindlich, aber Besucher müssen nicht unbedingt was Neues mitbringen und hierlassen.«

Das sollte man Fremden, die Aufenthalt, wenn nicht gar Asyl, auf dem Granit suchen, in ihr Reisetagebüchlein schreiben: Nichts mitbringen, wieder gehen, alles wieder mitnehmen!

Fleißige Menschen mit einer sagenhaften Passion laufen Axel Bulthaupt laufend vor Kamera und Mikrofon. Die Dampflok-Zugbegleiterin Jutta aus Hessen z.B. verliebte sich platzplatt in die Lausitzer Berge und ist natürlich glücklich hier. Wie hier gewählt wird, geht sie gar nichts an, solang die Leute nett grüßen.

Das ist so sagenhaft schön, dass es fast schon schön sagenhaft ist!

Drohnenaufnahmen zu choralen Gesängen, Burgen, Wälder, Seen, Berge, wenig Industrie.

Auch in Meck-Pomm übrigens. Da gibt es Menschen, »die was Besonderes haben, dieses Lebensgefühl … ihre Herzlichkeit steckt in jedem Detail …« Gärten, Gutshäuser, Schlösser und der Ostseestrand. Und was auch raus muss: »Viele kennen diese Landschaft schon seit ihrer Kindheit, an der Ostsee haben sie zum ersten Mal ihre Füße in warmen Sand gesetzt und salziges Wasser geschmeckt.«

Eine Wasserburg mit Pomeranzenschnaps: Gräfin Verena nebst Grafen »übernahmen« infolge gewisser politischer Ereignisse den einstigen Familienbesitz und sehr, sehr viel Verantwortung. Die Menschen hier wissen das sehr, wirklich sehr zu schätzen.

Bulthaupt pirscht sich ran: »Ist ja nicht so ganz einfach hier in Ostdeutschland, ein schwieriges Terrain …«

»Aber hier kann man noch was machen, sich einbringen …«, antwortet die Gräfin voller Schaden… ähm … Schaffensfreude.

Und in der nächsten Folge: ein ganz eigentümlicher Menschenschlag – wegen des vielen Wassers: der Ostfriese an sich!

So macht Fernsehen Spaß. Der Sandmann muss bleiben! Alles andere? Kann weg. Macht Axel Bulthaupt zum Intendanten und »Sagenhaft« zur Endlosschleife!

FELICE VON SENKBEIL

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