Alles ruhig bei den frühen Vögeln
Es war ein langer, harter Winter. Die Reserven waren aufgebraucht, der mentale Akku leer. So nennt man das, wenn das Augenlid zuckt und die Fingerknöchel kribbeln, sobald die eigenen Kinder mit Straßenschuhen über den gebeizten Echtholzboden latschen. Ich sehnte mich nach Ruhe, Schönheit, einem neuen Partner und nach Auftanken in der Natur.
Und dann geschah es, wir bekamen eine Einladung zum Schnupperwochenende in eine Schrebergartenkolonie. Ein ausgewachsenes Wunder – die Wartezeit auf ein Fleckchen Berliner Erde zum Selbstbeackern beträgt im Schnitt sieben Jahre.
Der einzige hundescheiße-freie Ort – außer dem eigenen Wohnzimmer – für ein Krabbelkind ist ein Gärtchen, dachte ich damals, als ich mich in die Warteliste eintrug.

Die Kleinkindphase lag nun lange hinter uns und der Auslaufbedarf der Kinder ist auf unter einen Meter geschrumpft – bei gutem Handyempfang.
Trotzdem freuten sich alle auf die Aussicht, bald einen eigenen kleinen Garten haben zu können. Wir machten Pläne: ein Barbie-Baumhaus für die Kleine, eine Außenküche für mich, einen Karpfenteich für den einen und einen Airsoft-Schießplatz für den anderen Sohn. Mein Mann entwarf ein im Kriegsfall autarkes Gartenhäuschen mit einem versteckten Hanfgewächshaus unterm Dach, Biogas-Heizanlage und Notfallbunker.
Es duftete nach Kirschblüten, Tulpen und Eierlikör, als wir endlich unsere nackten Füße auf dieses Stückchen Erde setzen konnten. Quadratische Beete, gestutzte Büsche, zwei Bäume, eine Gartendusche und ein akkurat angelegter Kiesweg. Dieser trennte die doppelbettgroßen Rasenflächen und führte zur Laube. »Haxen abkratzen« stand auf einem Blechschild an der Tür, und ich fühlte mich verstanden. Die Fenster waren vergittert, und nachdem wir drei Schlösser entriegelt hatten, warfen wir uns glücklich auf die Velours-Sitzgarnitur.
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Unsere Kolonie »Die frühen Vögel« war ein Dauerpachtgebiet der Deutschen Bahn, gleich neben den Gleisen. Ein Glücksfall, erklärte uns der Vereinsvorsitzende stolz. Denn dieses Gebiet war unbebaubar und nur über zwei Eingänge zugänglich. Der nette Herr mit Nackenfell und Monobraue nannte sich selbst ein »Urgewächs der Kolonie« (ich stellte ihn mir als verholzte Stachelbeere vor). Schon sein Vater habe sich hier vor den Russen versteckt, seine Mutter vertickte das Gartengemüse auf dem Schwarzmarkt. Im Osten waren sie die einzigen, die wussten, wie Feigen und Mangos schmecken. Eigentlich wurden die Parzellen vererbt, aber man sei in den letzten Jahren offener geworden. Wer sich einbringt und die Regeln beachtet, ist willkommen. Das Urgewächs drückte mir einen Zettel mit der Vereinsordnung und einen Flyer von Werner, dem Sicherheits-experten, in die Hand. Wir sollten uns nicht verrückt machen wegen der Bewirtschaftungsregel. Ein paar Erdbeeren und Kartoffeln und immer den Rasen kurzhalten, mehr ist nicht nötig. Mein Mann fragte, ob Hanf auch als Nutzpflanze gewertet wird. Der Vorsitzende nickte grinsend und ich hatte das Gefühl, hier passen wir her.
Es dunkelte. Unser erster Abend im Garten – jetzt würden wir zusehen, wie die Vögelchen schlafen gehen. Wir schmissen Würstchen auf
den Campinggrill und die Jungs pumpten die Luftmatratzen auf. Irgendwelche Typen schlichen am Gartenzaun entlang, leuchteten das Grundstück ab. Sie wisperten in blinkende Walkie-Talkies. Ob alles in Ordnung sei, fragte einer flüsternd in den Garten hinein. Was denn los sei, fragte ich ebenfalls flüsternd. Wir sollten uns »um Gottes willen« keine Sorgen machen. »Aber immer vorausschauend …«, flüsterte ein anderer ergänzend.

Mein Mann wurde gebeten, sich dem Sicherheitsrundgang anzuschließen. Seine Position in der Befehlskette würde ihm später mitgeteilt.
Er zögerte – aber nur kurz. Heute laufe er probeweise vor Mitternacht mit. Es könne aber sein, dass er von vier bis sechs eingeteilt werde, »weil Vereinsfreund Lothar einen Herzinfarkt hatte«. Mein Mann ergriff meine Hand. »Pass auf die Kinder auf, versprich mir das!« Ich nickte stumm und gab ihm einen Abschiedskuss. Dann verschwand er in der Dunkelheit.
Ich bettete die Kleine auf die Luftmatratze und kauerte mich auf der Velourscouch zusammen. Bei jedem Rascheln schreckte ich auf. Ist jemand über die Hecke gesprungen? Auf den Grundstücken nebenan leuchteten ständig Bewegungsmelder auf. Ein Fuchs? Ein Einbrecher? Ein russischer Agent? Ein Frauenmörder? Ich machte kein Auge zu. Schließlich holte ich mir die rostige Rosenhacke auf die Couch und schlief ein.
Am Morgen, beim Frühstück, verkündete mein Mann, dass er eventuell zum Gruppenführer aufsteigen könne, weil er Abitur hat. Die Kontrolltrupps machen alle vier Stunden ihre Rundgänge. Auffällige Personen werden »dokumentiert«, angesprochen und – »höflich aber bestimmt« – des
Vereinsgeländes verwiesen. Wer Gäste erwartet, muss die per App anmelden, am besten mit Foto. Das Vereinshaus ist die Kommandozentrale. Dort wechseln sich die Laubenpieper im Schichtdienst an den Überwachungsmonitoren ab. Auch nachts. Die Phase zwischen zwei und fünf gilt als besonders gefährlich (Stufe 3!).

»Ihr müsst euch aber keine Sorgen machen«, sagte mein Mann etwas zu dramatisch und griff wieder nach meiner Hand. Die Kinder lachten, weil sie das für eine Parodie aus einem Kitschfilm hielten. Dann lachten wir alle.
Meine Söhne vergaßen die Karpfenzucht, den Gemüseanbau und sogar ihre Handys und spielten zwischen den Grundstücken Heckenschützen mit Airsoft-Waffen. Am Haupttor hingen Fahndungsfotos, die die Nachtbildkameras geschossen hatten. In diesem Jahr wurden »die frühen Vögel« nämlich schon über dreißig Mal beklaut; Rasenmäher, Mikrowellen, Wasserkocher, Dosen-Soljanka, Kaffeesahne.
Meine Kleine bekam vom Parzellennachbarn ein Abwehr-Spray geschenkt. »Aber nicht am Hund ausprobieren«, sagte er.
Nett waren sie eigentlich alle. Wir wurden zur Infoveranstaltung der Polizei eingeladen, auch Versicherungsvertreter stellten sich vor und ein kostenloser Selbstverteidigungskurs wurde angeboten. »Jeder soll sich sicher fühlen!«, ist das diesjährige Motto der »frühen Vögel«. Voriges Jahr war es noch »Sonne, Erholung und Partnertausch!«.
Da wäre ich dabei gewesen. Aber Angst vor Einbrechern können wir auch zu Hause haben.
FELICE VON SENKBEIL
AnzeigeAuslese
- Alles ruhig bei den frühen Vögeln
Felice von Senkbeil - Hat prima geklappt
Matti Friedrich - Bitte mal die Flanke tätscheln!
FERNSEHEN Felice von Senkbeil - Mit einem Kaugummi durch die ganze Woche
Felice von Senkbeil - Fettes Deutschland
FERNSEHEN Felice von Senkbeil - Spende bei Auslass
Matti Friedrich - Muss man als Demokrat die Fascho-WM in den USA boykottieren?
Florian Kech - Kälter, aber teurer
Matti Friedrich - Der tolle Heiner
Felice von Senkbeil


