Hat prima geklappt

Boris Pistorius ist »beliebtester Politiker«. Warum? Wahrscheinlich, weil er sich vor Jahren »der Doris« (»die Doris« wurde sie von ihrem Ehemann, einem Herrn Schröder, genannt) angenommen hat, als diese leer stand. Ein feiner Zug von dem Mann, fanden Deutschlands Mütter, Schwieger- und Großmütter.

Seitdem aber kommen von dem nur Sprüche! Die »Kriegs- und Angriffsfähigkeit« musste er stillschweigend einsammeln, die neuen Funkgeräte passten nicht ins Handschuhfach der Panzer, und auch mit dem Datum des russischen Angriffs hat er sich grob verhaun.

Nun das! Just zu Ostern, zur Auferstehung des HERRN, hat er ein allgemeines Ausreiseverbot für junge bis mittelalte Männer verkündet – es sei denn, man hat eine Reiseerlaubnis vom Kreiswehrersatzamt (neumodisch »Karrierecenter der Bundeswehr«) in der digitalen Ficke. Tausende gelangweilte Kerle, die Ostern zum Kotzen finden, haben das sofort ausprobiert und z. B. einen »Ausreiseantrag aus der BRD nach Chemnitz« gestellt, »zu meiner Oma, die im Sterben liegt, aber bitte unbefristet, da nicht abzusehen ist, wie lange sie es noch macht. Innerhalb dreier Tage zu bescheiden. Bei Fristverstreichung folgt eine Untätigkeitsklage gegen die Bundesrepublik Deutschland« – solche Dinger eben!

Frank Bahr

Eins hat der Publikumsliebling Pistorius jedoch nicht – Humor. Aber ein Kämpfer ist er – vor allem ein Kämpfer gegen Gerüchte!

Zuerst ließ er mitteilen, Männer, die sich zur Zeit ohne Genehmigung im Ausland befänden, seien straffrei gestellt, wenn sie bis Kriegsbeginn hinter die deutschen Grenzen zurückkehrten. Besser aber 24 Stunden früher, weil sie noch eingekleidet werden müssen.

Einen Tag später die nächste Mitteilung, »um Gerüchten vorzubeugen«: Nein, die Beantragung einer Ausreise sei nicht identisch mit dem Beginn des 3. Weltkrieges.

Und noch eine »Klarstellung«: Nein, wer sich an das Karrierecenter mit dem Ersuchen um Ausreise wende, sei nicht automatisch gemustert und könne sich auch später noch selbstbestimmt für eine Waffengattung entscheiden. Außerdem müsse man (vorerst!) die Ausreiseerlaubnis nicht physisch bei sich tragen, es reiche vollständig aus, wenn man von dem Gefühl erfüllt sei, dass der Minister die Grenzüberschreitung »auf dem Wege einer Allgemeinverfügung« genehmigt hat.

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Wie gesagt, Ostern war’s, die Menschen hatten reichlich Zeit – und verschickten (»posteten«) prompt massenhaft den Schabowski-O-Ton zur Ausreise aus der DDR in das westliche Ausland »… das gilt (raschel, raschel) meines Wissens – gilt das ab sofort, unverzüglich« – der Anfang vom Ende, wie man weiß.

Jetzt reichte es dem Minister. In einer Erklärung wendete er sich an die wehrfähigen Frauen und Männer: Das Reiseverbot gelte keineswegs »ab sofort«, und schon gar nicht »unverzüglich«, sondern erst im Kriegsfall bzw. wenn genügend Soldaten aus dem stehenden Heer gefallen seien. »Zum gegenwärtigen Zeitpunkt« solle die kriegswillige Bevölkerung doch bitte (!) von Anfragen an die Bundeswehr mit dem Betreff »Ausreise« Abstand nehmen.

Das hieß nichts anderes als: Das Kriegsministerium war unter der Last der Anfragen zusammengebrochen, der Russe hätte es in diesem Moment leicht übernehmen können. Wenn er nur einen Funken soldatischen Ehrgefühls im Leibe hätte, hätte sich der »Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt« (IBUK) nach dieser verlorenen Schlacht eigentlich in den Mund geschossen haben sollen. Aber er lebt weiter …*

Wenn »die Wessis« nicht nur den »Grünen Pfeil« – usw. usf. …, dann wüssten sie, wie man »die illegale Ausreise« aus einem Staatsgebiet verhindert. Das hat in der DDR nämlich prima geklappt. Es durfte von Geburt an einfach keiner raus, basta. Damit war ein Höchstmaß an Rechtssicherheit und Gleichbehandlung gegeben. Gut, der Biermann durfte (wollte aber nicht, doch man hat ihm seinen Wunsch von den Augen abgelesen) und der Manfred Krug durfte auch (weil die DDR seinen fünf Oldtimern nicht die gebührende Pflege angedeihen lassen konnte).

Man konnte selbstverständlich auch einen Ausreiseantrag stellen. Das kann man bei Pistorius auch. Der will sie sogar alle genehmigen. Nur nicht im Krieg, da will er sie alle ablehnen.

Um alle abzulehnen – dazu brauchte die DDR keinen Krieg. Da kann Pistorius noch was lernen.

MATTI FRIEDRICH

* Oder er hat doch noch den Ehrentod gewählt. Ein Indiz: Am 12.4. wurde Pistorius im ARD-Studio von »Bericht aus Berlin« erwartet. Er sollte dort erklären, ob wehrfähige Männer mit eigenen PKW und Haustieren ausreisen dürfen, und über welche Grenzübergangsstellen. »Aber der Minister ist einfach nicht gekommen«, sagte eine traurige Moderatorin.

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