Alles nur Fassade
Von DANIEL SIBBE
Harry Pfuschowski ist der Verzweiflung nahe. Der 58-jährige Bauunternehmer würde sich am liebsten vom Hochhaus stürzen. Doch an der Stelle, wo eigentlich ein vielgeschossiger Wohnklotz aus Stahl, Glas und Beton in den Himmel ragen sollte, türmt sich stattdessen lediglich ein Haufen loser Ytong-Steine auf. Einige Arbeiter lungern untätig auf dem eingezäunten Areal herum. »Hey, ihr Blaupausenclowns«, pfeift Pfuschowski seine Angestellten zusammen, »stützt euch gefälligst auf eure Schippen! Wenn einer von euch vor Langeweile sterben sollte, sieht es immerhin nach einem Arbeitsunfall aus und ich bekomme von der Versicherung noch etwas Schotter.«

Trotz mauer Auftragslage, Lieferengpässen und Materialknappheit steht der Baulöwe zumindest nicht vor den Trümmern seiner Existenz. »Dazu hätte von mir ja erst mal irgendwas gebaut werden müssen«, spöttelt Pfuschowski.
Deutschlands Baustellen sind eine einzige Baustelle. Auch die Ampelkoalition ist von ihrem Ziel, jährlich 400 000 neue Wohnungen errichten zu lassen, so weit entfernt wie Pfuschkowski von den rumänischen Arbeitern, die er zwischenzeitlich schon nach Hause schicken musste. 2023 dürfte sich die Zahl auf gerade mal 240 000 bis 250 000 (Wohneinheiten, nicht Rumänen!) beziffern, schätzen Branchenkenner wie die Berliner Obdachlosenhilfe. Weil im Bundesbauministerium von Klara Geywitz (SPD) der Mangel an bezahlbarem Wohnraum nicht erst seit dieser Legislaturperiode mit dem Aktenvermerk »Das guckt sich weg!« abgetan wurde, zweifeln sie eine rasche Auferstehung aus Ruinen an und warnen vor einer Gefahr für die Gesellschaft
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