Fettes Deutschland

FERNSEHEN

Es brennt an allen Ecken und Enden: Tanken ist unbezahlbar und der Strandurlaub in Dubai wurde gecancelt. Das ist alles dramatisch, aber die wirklich wichtigen, ja essenziellen Dinge werden dabei oft übersehen. Diese vermaledeite Schuppenflechte am Nacken des US-Präsidenten. Beinahe handtellergroß – und doch: Die Welt schaut weg!

Diese unschöne Hautveränderung verdankt der Fastfood-Liebhaber seiner Schwäche für Coca-Cola und natürlich seinem schlechten Charakter. Der kommt ihm aus allen Poren. Das gilt auch für die faulige Stelle auf seinem rechten Handrücken. Würde Donald Trump deutsches Gesundheitsfernsehen schauen, wüsste er: Mit der richtigen Ernährung wäre die juckende Hautpfütze längst verschwunden und die Hand bräuchte nicht amputiert zu werden.

Freimut Woessner

Das Öffentlich-Rechtliche hat nämlich den Kampfauftrag zur Erhaltung und Wiederherstellung der Volksgesundheit zu erfüllen. Versuche, das Wahlverhalten und das Heizverhalten der Bürger zu beeinflussen, wurden im Großen und Ganzen verschämt eingestellt. Nun liegt der Fokus auf dem, was wirklich die Nation bedroht: das deutsche Bauchfett – ein liebgewonnenes Anhängsel für viele, aber absolut tödlich!

Mittlerweile sind mehr als die Hälfte der Deutschen übergewichtig – und das trotz des hohen Butterpreises im letzten Jahr. Züge und Busse müssen verstärkt werden, damit sie das Gewicht der Bevölkerung noch tragen können, und die Drehkreuze am Fußballstadion werden vergrößert, um ein Steckenbleiben zu vermeiden.

Diese Moppelchen sind auch eine Bedrohung für den sozialen Frieden. Für Adipositas-Patienten geben Krankenkassen jährlich 63 Milliarden Euro aus. Das ist nicht fair, schließlich sparen die Schlanken auch schon beim Essen.

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Nun könnte der Staat auch brutal eingreifen, so wie in Großbritannien, mit einer Zuckersteuer. Dort sind Softdrinks nur noch halb so süß. Das will hier keiner.

Stattdessen machen verschiedene TV-Formate Lust aufs Abnehmen. »The Biggest Loser – Leben leicht gemacht« (Sat.1) oder die »Die Ernährungs-Docs« (NDR) begleiten Menschen bei ihrer Verwandlung von »sehr dick« zu »normal dick«.

Schon im eigentlich besinnlichen Vorabendprogramm, wenn in den Familien die Vorfreude aufs Abendessen steigt, piesacken die Gesundheitsapostel in kurzen Beiträgen wie »Wissen vor acht« oder »Leschs Kosmos« den Schwergewichts-Bürger. Noch vor den Nachrichten sollen die Schlemmermäuler erfahren, was wirklich schlimm ist im Leben: der quasi toxische Inhalt einer Leberwurst und die auf deren Verzehr folgende verstopfte Arterie. Die Empfehlung: Leg dir doch statt der Mortadella ein Stückchen Gurke aufs Brot! Und danach? Chips und ein Schnaps!

Man könnte ja wegschalten und in Ruhe weiter frustfressen. Aber dann verpasst man ein Stück hübscher Fernsehunterhaltung.

Es ist schon aufregend zu sehen, wie Industriezucker im Körper brennt und wütet, wie rasant eine Fettleber wächst und wie sich willensstarke Menschen halbieren und wieder in ihre Teeniebadehose passen. So wie Dr. Eckart von Hirschhausen es an der eigenen Person bewiesen hat. Der sympathische Menschenfreund hat 20 Kilo von sich geworfen und ist nun noch fröhlicher. In seiner Doku über Zucker hält er sich gar nicht erst mit Schuppenflechte und faulen Zähnen auf – das hat ja jeder zweite Deutsche zu Hause –, es geht direkt zur Amputation. »Ein schöner Stumpen ist das geworden«, schwärmt die ambitionierte Chirurgin von ihrer Arbeit. Der Diabetiker ist auch zufrieden – der andere Fuß ist ja noch dran. Und es bleibt spannend: »… ob Frank durch seine Ernährung eine weitere Amputation verhindern kann?«

Zum Glück gibt es seit kurzem eine Wunderspritze, die es auch Menschen, die keine Lust haben, die vielen leckeren Rezepte der TV-Diätberater nachzukochen, möglich macht, Gewicht zu verlieren. Aber auch hier ist Aufklärung nötig.

In Verbrauchermagazinen, den gesamten Vormittags- und Mittagsformaten und natürlich in Talkshows widmen sich Journalisten, Experten, Politiker und Fettleibige der Wunderspritze. Bei »Hart aber fair« darf der Gesundheitsökonom Prof. Karl Lauterbach (SPD) von seinem kontrollierten Zuckerkonsum schwärmen und Frau Büttner (FDP) auf Naschkatze machen.

Die Abnehmspritze ist natürlich nur eine Notlösung und viel zu teuer für den Staat. Also setzt das Gesundheitsministerium weiter auf die Wirkung der Medien.

Wer fett vor der Glotze hängt und eine Schwäche für die Öffentlich-Rechtlichen und Haribo-Goldbären hat, kommt um ein schlechtes Gewissen nicht herum. Bei »Hart aber fair« wird dazu noch leidenschaftlich gestritten, ob eine Limo mit zehn Stück Zucker okay ist für Kinder oder verboten gehört.

Und wie immer wölbt sich über all das die bange Frage: Wird dieses Thema die Nation spalten?

FELICE VON SENKBEIL

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