Wem die Stunde schlägt
Von Mathias Wedel
Dies ist ein Plädoyer für mehr Mitmenschlichkeit. Für den Menschen neben Dir, dessen Ängste und Nöte wir allzu oft nicht sehen. Nicht sehen wollen! Weil wir seelisch erblindet sind – ich wage diese kühne Metapher! –, verschlissen vom Raffen, Fressen, Böllern und vom Unter-den-Tischen-Vögeln. Vielleicht aber gibt es in der Leserschaft noch empfindsame Kreaturen, die wissen, was das ist, wissen, wie das geht, wissen, wie das hilft: Mitleid!

Ich denke an Andreas Scheuer! Als alle Welt sich kürzlich fröhlich zum Jahreswechsel rüstete, hockte er in seinem Haus in Passau auf der Toilette und weinte, weinte wie ein Kind. Seine Frau Jule (promovierte Politologin) bettelte, flehte, flötete durch die Tür: »Es wird alles gut, Andy!« Und dabei dachte sie vielleicht sogar – wer würde ihr das verdenken: »Ach, wäre ich diesem Scheißkerl doch nie begegnet.« Denn zu viel stand just in diesen Minuten auf dem Spiel! Vielleicht ihr ganzes Leben. (Scheuers beide Exfrauen hingegen kicherten indes in der Küche sorglos über der Bowle.)
Was war dem Manne geschehen, dass die Angst so sehr Besitz von ihm ergriff?
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