Botox bringt nichts

Das neue Expertentum

Auf dem Schulhof der Gebrüder-Grimm-Grundschule in Berlin-Wedding steht der sieben Jahre alte Elias und weint bittere Tränen. Um ihn herum steht eine Traube von Schülern, zeigt mit den Fingern auf ihn und schilt ihn als »dumm wie Panzerschokolade«. Wie könne einer nicht wissen, dass die Panzerhaubitze 2000, die jüngst an die Ukraine geliefert wurde, bei automatisiertem Munitionsfluss von nur drei Mann bedient werden kann, fragen sie fassungslos und halten sich vor lauter Gelächter die Bäuche. Elias schluchzt noch lauter und rennt tränenüberströmt davon. Hinter ihm folgt die johlende Menge, die ihn verhöhnt und bespuckt. Als sie Elias schließlich verlieren, tun es die gut informierten Kinder der Taktik der ukrainischen Armee gleich. Sie machen mit einer Aufklärungsdrohne Elias, der völlig ungetarnt den Heimweg angetreten hat, ausfindig und bewerfen ihn aus sicherer Entfernung mit Steinen.

Zeichnung von GUIDO SIEBER

Solche und ähnliche Vorfälle machen fassungslos. Wie kann es sein, dass Menschen im Mai des Jahres 2022 ihren Kindern keine militärische Bildung vermitteln können oder wollen? Heinz Schulze vom Jugendamt Berlin-Mitte spricht von bedauerlichen Einzelfällen. Die übergroße Mehrheit der Schülerinnen und Schüler in der Hauptstadt wisse gut Bescheid und könne ihre ABC-Waffen auswendig aufsagen. Wo dies nicht der Fall sei, sprächen extra ausgebildete Sozialpädagogen gezielt Familien an. Das sei wichtig, damit die Kinder wieder in eine Gesellschaft integriert werden können, in der fachkundige Diskussionen über das Militär so wertvoll geworden sind wie ein kleines Steak. Ein schnell dahinartikuliertes diffuses Unwohlsein gegenüber Konzepten wie Krieg zähle heute eben nicht mehr als adäquater Beitrag im Konzert der fundierten Meinungen.

Die ganze Republik hat sich im Ukraine-Krieg verändert. Früher waren es die telefonisch geführten Beziehungsgespräche der Fahrgäste, die jede Fahrt im ÖPNV zu einem unvergesslichen Erlebnis machten. Heute sind es die taktischen Lagebesprechungen, die durch die dönergeschwängerte Luft der S-Bahnen dröhnen. Dort kann der aufmerksame Lauscher allerhand erfahren. Mit der Eroberung der Schlangeninsel habe sich Putin keinen Gefallen getan. Jetzt, da die »Moskwa« versenkt wurde und mit ihr die S-300-Luftabwehr, stehe Russland nackt im Schwarzen Meer da. Und das viele Botox, das Putin sich habe spritzen lassen, bringe ihm auch null Vorteile in der Schlacht. Überhaupt habe der Mann seine Armee nicht richtig im Griff. Wie kann man nur seine Munitionskolonnen so dicht im Konvoi fahren lassen? Da können dann sogar die schimmeligen Exemplare der Panzerfaust 3 aus Deutschland maximale Verwüstungen anrichten. Und was in drei orthodoxen Gottes Namen soll es heute eigentlich zum Abendessen geben? Thunfischgerichte wären auf jeden Fall wieder möglich, weil man damit dazu beiträgt, dass wenigstens ein paar russische Kampfdelfine als Beifang in den Schleppnetzen unschädlich gemacht werden.

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Man muss nur Augen und Ohren offenhalten und man merkt schnell: Der Kenntnisstand von zum Teil Ungedienten ist beeindruckend. Privatleute sitzen an ihren heimischen Computern und werten Satellitenbilder der Kampfplätze aus. Die hohe Kunst dabei ist es, einen T-72 von einem T-80-Russenpanzer zu unterscheiden. »Wenn man Reaktivpanzerungselemente vom Typ Relikt erkennen kann, dann handelt es sich eindeutig um einen T-80«, weiß Justin-Kevin Meier, der mit seinen 38 Lenzen bei seiner Mutti zur Untermiete wohnt. Sein Hobby als Experte lässt ihm keine Zeit, eine eigene Wohnung zu suchen oder sich die Zähne zu putzen. Dafür kann er die russischen Selbstfahrer-Lafetten vom Typ S-3 von seinem PC aus ausfindig machen. »Die sind ein gefundenes Fressen für die lasergestützte ukrainische Artillerie«, frohlockt er, während er sich über die Lippen leckt.

Meier wackelt mit seiner Computer-Maus hin und her und reibt sich mit der anderen Hand aufgeregt einen Fettfleck etwas tiefer in die speckige Jogginghose ein. Er schnalzt mit der Zunge. »Ein T-90M-Panzer! Das ist das modernste, was Russland anzubieten hat. Laserwarnsystem, 125-Millimeter-Glattrohrkanone und Einparkunterstützung. Exzellent.« Meier ist begeistert und hüpft ein bisschen in seinem Drehstuhl auf und ab, der das Herzstück seines Jugendzimmers bildet. Niemand hätte noch vor einigen Monaten gedacht, dass sich in vier Wänden wie diesen, die von Playboy-Postern geschmückt werden und deren größte Zier die Popelsammlung unter der fleckigen Couch ist, die Fachkompetenz ballt wie die leeren Chipstüten neben dem Monitor.

Nur Meiers Mutter Monika tut sich noch schwer mit der neuen Rolle ihres Sohnes. Sie hätte es auch gut gefunden, wenn Justin-Kevin seit dem 23.02.2022 auch anderen Tätigkeiten nachgegangen wäre, als auf Satellitenbildern russische Patrouillen-Boote der Raptor-Klasse aufzuspüren. »Zum Beispiel, wenn er die Unterhose gewechselt hätte«, sagt sie, hält sich die Nase zu und wedelt sich frische Luft aus den Nachbarräumen zu. »Und jetzt ab, raus hier!«, schreit sie. Ihr kleiner Schnucki brauche Ruhe, damit er sich konzentrieren könne. »Putin schläft nicht!«, sagt sie vielsagend. Und weist darauf hin, dass die Bilder aus dem Kreml eindeutig zeigen, dass der russische Präsident neben Hodenkrebs, einer Analfistel unter der Achselhöhle und chronischem Zahnbelag auch an der seltenen Schlafkrankheit leide, die höchstwahrscheinlich durch die Impfung mit Sputnik V hervorgerufen wurde.

»Mama, jetzt fang nicht wieder an mit deinem Corona-Zeugs«, mault es aus Justin-Kevins Richtung. Experten-Wissen zur Pandemie, Inzidenzen und der ganze Käse sei sowas von 2020. »Wir dürfen jetzt nicht so tun, als wäre Corona vorbei! Viele Wissenschaftler halten Kombinationsvarianten aus Delta und Omikron für wahrscheinlich«, entgegnet Frau Meier ihrem Sohn. Der verdreht die Augen und haucht ihr ein »Okay, Boomer« zu, bevor er die Zimmertür zuschlägt.

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Unter die allgemeine Freude über die Expertisierung der deutschen Bevölkerung mischen sich aber auch warnende Stimmen. »Konventionelle Experten haben es auf dem Experten-Markt immer schwerer. Die wenigsten der neuen Experten haben eine klassische Expertenausbildung, für die man mindestens die allgemeine Fachhochschulreife oder eine abgeschlossene Berufsausbildung als Grundvoraussetzung benötigt«, erklärt Heinrich Extraklug vom Expertenverband für spezielles Nischenwissen e. V. und mahnt deshalb an, dass die Experten künftig noch besser geschult werden müssen. Nur wenn ihr Wissen der allgemeinen Bevölkerung überhaupt noch als außergewöhnlich erscheinen kann, erhalten sie ihre Daseinsberechtigung. Um der Szene neue Impulse zu geben, hat man die Arbeitsgemeinschaft »Experten für Experten« gegründet, in der sich nur Personen befinden, die ein hohes Wissen über alle möglichen Experten dieser Welt sammeln und den Fernsehstudios mit ihrer Expertise beratend zur Seite stehen können. »Hätten Sie das gewusst?«, fragt Extraklug. »Nein? Na, bitte!«

ANDREAS KORISTKA

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