Mit Wumms aus der Krise!

Seit die Regierung angekündigt hat, die Bundeswehr mit einer 100-Milliarden-Bazooka auszustatten, läuft die Kriegsmaschinerie in den Werken von Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann auf Hochtouren. Rüstungslobbyisten geben sich gegenwärtig im Bendlerblock die Klinke in die blutverklebte Hand und feuern Christine Lambrecht, Deutschlands oberstem Flintenweib, ihr Portfolio an neuesten Militär-Gadgets nur so um die Ohren. Der EULENSPIEGEL traf Peter Gunn, Interessenvertreter des Bundesverbandes für Militärmaterial und sicherheitstechnische Innovationen (Bummsti) – leider nur zum Gespräch.

Cartoon: ANDRÉ SEDLACZEK

Guten Tag, Herr Gunn! Wie geht es Ihnen?

Na ja, ich bin schließlich auch nur ein Mensch. Angesichts der täglichen Nachrichtenbilder aus den zerstörten Städten Charkiw, Irpin und Mariupol muss ich ehrlich gestehen: Bombe! Danke der Nachfrage! Dass ich das noch erleben darf! Mit einem solchen Glücksfall konnte nun wirklich niemand rechnen.

Wie bitte, Sie nennen das Leid von Millionen unschuldiger Menschen einen Glücksfall?

Ach, jetzt seien Sie doch nicht so eine Zimperliese! Jeder macht in seinem Leben einmal eine Saure-Gurken-Zeit durch. Meine dauerte ganze 31 Jahre – vom Ende des Kalten Krieges 1991 bis heute. Da ist es ja wohl nur allzu verständlich, wenn man mit den Kollegen im Büro seit Ewigkeiten mal wieder stilecht die Sektkorken abknallen lässt.

Angesichts der 155 Millionen Euro, die vom Verteidigungsressort in der Ära von der Leyen – der größten Finanzverschwenderin aller Zeiten – allein im ersten Halbjahr 2019 für externe Berater ausgegeben wurden, dürften Sie in der Vergangenheit dennoch kaum Hunger gelitten haben.

Sagen wir mal so: Wie bei der Versorgung unserer Truppe in einem möglichen Ernstfall war es lange Zeit auch um den Lohn meiner Lobbyarbeit bestellt: Zum Leben zu wenig, zum Sterben langt’s. Da kam mir die milliardenschwere Finanzbleispritze des Bundes als strategische Antwort auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gerade recht. Letztendlich haben wir es erneut dem Iwan zu verdanken, dass ich mir jetzt wieder den Tag mit Panzerschokolade versüßen kann. Geschichte wiederholt sich eben doch! Möchten Sie auch etwas?

Nein, danke!

Umso besser! Bleibt mehr für mich, um es auf der anstehenden Verbandsfeier – Deckname im Übrigen: Kommando Pimperle! – gemeinsam mit den Soldatenbräuten bis zum Zapfenstreich richtig krachen zu lassen. Überhaupt habe ich schon in den Achtzigerjahren als junger Gefreiter nicht verstanden, warum sich Petting und Pershing gegenseitig ausschließen sollen.

Bei der zu erbeutenden Mördersumme an Beraterhonoraren und Vermittlerprovisionen reiben Sie sich momentan wahrscheinlich eher in einem unbarmherzigen Abnutzungskampf mit anderen Lobbyisten wie denen von der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik auf.

Diese elenden Kriegsverbrecher!

Welche taktischen Manöver favorisieren Sie eigentlich am Verhandlungstisch der Verteidigungsministerin, um siegreich aus der Rabattschlacht um Rüstungsgüter, Maßuniformen und Zinksärge hervorzugehen?

Um als Waffenlobbyist an vorderster Front Erfolg zu haben, sollte man sich immer der jeweiligen Kriegsrhetorik anpassen. Infolge der von Putin deklamierten »Sonderoperation« und der aus einer »Sondersitzung« des Bundestags resultierenden Bereitstellung eines »Sondervermögens« seitens der Koalition biete ich aktuell als Bummsti-»Sonderbeauftragter« im Rahmen einer »Sonderschau« einen »Sonderverkauf« mit vielen »Sonderaktionen« an – inklusive »Sondertarife« plus »Sonderbonus« sowie eine »Sonderverlosung« mit attraktiven »Sonder -preisen«.

Sonsationell!

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Gell? Selbst ohne den sonst zu Demonstrationszwecken obligatorischen Granatbeschuss sind die Teilnehmer einer solchen Werbeveranstaltung immer total hinund hergerissen zwischen den atemberaubenden Neuerungen an Tötungsmaschinen aus unseren heimischen Rüstungsschmieden.

In der Tat stellt sich Deutschlands Waffenbranche derzeit auf pickepackevolle Auftragskladden ein. Damit werden anscheinend zwei Jagdflieger mit einer Klappe geschlagen: Dem Beschaffungsamt der Bundeswehr wird die jahrzehntelange Qual der Wahl zwischen Aufrüstung oder Ausrüstung zukünftig erspart bleiben, und die Mitarbeiter der Industrie müssen nicht mehr in den Kasernen anschaffen gehen.

Jawoll! Statt Bumms mit Wumms aus der Krise. Die Zeiten, in denen Wehrdienstleistende auf ihren Wochenendheimfahrten die Züge der Deutschen Bahn mit billigem Dosenbier vollkotzten, sind jedenfalls vorbei.

Geld macht sexy, keine Frage! Nicht umsonst registriert die Bundeswehr seit Beginn des Ukrainekrieges wieder ein gesteigertes Interesse junger Menschen an den hiesigen Streitkräften.

In der Vergangenheit hat es oft am Nötigsten gefehlt, den Dienst an der Waffe attraktiver zu gestalten. Ich setze mich mit meinen Vertragspartnern bei Frau Lambrecht persönlich dafür ein, dass jeder Rekrut und jede Rekrutin einen zusätzlichen Satz nahkampferprobter Winterwäsche von Calvin Klein bzw. Victoria’s Secret im Spind liegen hat.

Kurz überschlagen ständen der Truppe von den zugesagten 100 000 000 000 Euro dann immer noch schätzungsweise rund 99 999 000 000 Euro zur Verfügung. Welche weiteren Investitionen sind geplant? Stichwort: Cyberattacken.

In dem Bereich ist die Armee schon ganz gut aufgestellt. Auf allen Rechnern des wehrinternen IT-Netzwerkes ist die Antiviren-Software von Kaspersky installiert – dank meiner einflussreichen Connections sogar für Wumme, äh, umme!

Hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik nicht neulich erst wegen eines möglichen Hackerangriffs vor deren Verwendung gewarnt?

Keine Sorge! Der russische Hersteller hat dies als politisch motivierte Entscheidung zurückgewiesen. Niemand beabsichtige, einen Cyberkrieg zu führen. Auf den fremden Systemen werde lediglich eine »Sonderrechenoperation« durchgeführt.

Was für konkrete Großprojekte stehen denn nun an?

Zur Zeit leiste ich im Ministerium Überzeugungsarbeit für nachhaltiges Kriegsgerät wie den »Leopard 2 Deluxe«. Die Anschaffung des mit Swarovski-Steinen besetzten, krisenfesten Goldkettenfahrzeugs mit der 120mm-Kupferrohrkanone steht bei den Entscheidungsträgern hoch im Kurs. Sein Vorteil: Sollte der Panzer auf dem Schlachtfeld abgeschossen werden, lassen sich die Verluste mit dem Verkauf seiner Einzelteile auf dem Rohstoffmarkt und beim Schrotthändler wieder kompensieren. Gleiches gilt für die bei MEN in Auftrag gegebenen Munitions -chargen an Silberkugeln. Wer weiß, was sich in den finsteren Wäldern der Karpaten zur Stunde so alles formiert? Darüber hinaus diskutiert die Regierung aber auch über ein Iron-Dome-Raketenabwehrsystem. Nach meinen Informationen arbeitet Thyssenkrupp bereits an den Konstruktionsplänen zur Fertigung der ersten gigantischen Kuppelbögen von der französischen bis zur polnischen Grenze.

Herr Gunn, kann es sein, dass Ihnen die Panzerschokolade gerade so richtig in die Birne knallt? Danke jedenfalls für das aufschlussreiche Interview. Wenn in diesen unsicheren Zeiten eines feststeht, dann zumindest die Erkenntnis: Wir sind verloren!

DANIEL SIBBE

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