Das große Motto von Bellevue

Es war wunderbar, was man alles von den Staatsgästen geschenkt bekam. Frank-Walter Steinmeier setzte den American-Football-Helm auf, nahm Anlauf und warf sich mit einem gewagten Hechtsprung bäuchlings auf den Boden. Der Bundespräsident rutschte ein paar Meter über den gut gebohnerten Gang und stieß an dessen Ende vier von sieben Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes um, die sich als menschliche Kegel aufgestellt hatten. Steinmeier war dankbar, mit dem Schloss Bellevue ein Gebäude nutzen zu dürfen, dessen lange Flure zu allerhand zerstreuenden Aktivitäten einluden. Trotzdem war er unzufrieden. Er seufzte durch die Facemasks seines Visiers und schüttelte den Kopf.

Trotz seiner hohen Geschwindigkeit hatte er sie gesehen: die Angst in den Augen seiner Mitarbeiter, als er auf sie zugerast kam. Und auch den Angstschweiß konnte er förmlich riechen, obwohl er durch den Uringeruch ihrer eingenässten Hosen übertüncht wurde. Waren denn all seine Reden umsonst gewesen? Wer, wenn nicht sein Personal, hätte dazu in der Lage sein müssen, einen gewissen Mut zu zeigen? Mut – das war das Thema, für das Steinmeier in den letzten fünf Jahren mit all seiner ihm zur Verfügung stehenden Kraft gearbeitet hatte. Was nützte es, dass seine Mutrede damals in der Presse gefeiert worden war, wenn der dahinterliegende Spirit nicht ankam? Mutig, mutig, puputig, dachte er. Was konnte man daran nicht verstehen? Jetzt vertraute ihm das eigene Personal nicht mehr, von dem sich ein Teil gerade notdürftig die offenen Schienbeinbrüche versorgte. Er nahm sein Notizbuch zur Hand, leckte über die Mine seines Bleistifts und notierte mit fester Hand: »Teambuildingmaßnahme Wingsuit- Fallschirmspringen?«

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Man musste immer dran bleiben. Mutig sein – das klang so einfach und war doch so schwer. Man musste es immer wieder trainieren. Ein Glas mit Mischgemüse aus dem dunklen Keller zu holen gehörte genauso dazu wie sich unbewaffnet einer Horde von islamistischen Terroristen in den Weg zu stellen, die die US-Botschaft

stürmen wollen. Zu diesen Taten wollte er das Volk motivieren. Er griff in die Tupperbox mit Früchten, die er immer in seiner Aktentasche mit sich führte. In den Händen hielt er die einzige Frucht ohne Mut – eine Feige. Steinmeier verdrehte die Augen und grunzte verächtlich. Der Tag wurde schlechter.

Warum nur hatte ihm das Schicksal das unmutigste Volk des Planeten zugewiesen? Bei der Steuererklärung tricksen, im Stau popeln und unter Missachtung der allgemeinen Coronabestimmungen rodeln gehen – das konnten die Deutschen. Aber wenn es darum ging, sich auf die Landstraße zu legen und erst in der letzten Sekunde unter dem Gejohle der eigenen Freunde vor dem heranfahrenden Auto wegzuspringen, kniffen sie. Sie mussten ja nicht gleich eine Niere spenden, so wie er es getan hatte. Aber die Hand auf den Tisch legen und einem dahergelaufenem Kneipenbruder erlauben, mit einem Messer in die Zwischenräume der gespreizten Finger zu piksen – das musste doch möglich sein!

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Er hätte das Volk gern am Schlafittchen gegriffen und gerüttelt. Aber das strenge Protokoll hielt ihn davon ab. An seiner Vorbildfunktion konnte es jedenfalls nicht liegen. Er war immer mutig gewesen. Er hatte als Bundespräsident ein Talkformat ins Leben gerufen, obwohl er sich seit seiner Gerhard-Schröder-Stimmenimitation im Jahre 1998 sprachlich nicht mehr weiterentwickelt hatte. Sein Charisma war zudem eine Mischung aus dem von Samson, dem freundlichen Bären der »Sesamstraße«, und einem Hängeordner aus Recycling-Pappe. Jetzt stellte er sich trotzdem der Wiederwahl, obwohl zwei Splitterparteien Gegenkandidaten aufgestellt hatten. Es war nicht gänzlich ausgeschlossen, dass er die Wahl verlieren könnte. Aber ein Steinmeier zog niemals den Schwanz ein!

Steinmeier sah es ein. Dieses Mut-Zeug war nichts mehr für seine zweite Amtszeit. Mut war etwas für ein stolzes Volk; für Franzosen, Türken, Klingonen oder so. Dieses Thema war nicht gemacht für Bewohner eines Landes, die sich vor Windrädern in der Nachbarschaft und alleinreisenden Islamisten fürchteten und deren größtes privates Wagnis es war, dass sie sich hemmungslos ihrer Leidenschaft für Koch- und Trödelsendungen im ZDF hingaben.

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Er brauchte unbedingt ein neues zentrales Thema für seine zweite Amtszeit. »Händewaschen nach jedem Toilettengang« ging nicht. Das hatte ihm der Lauterbach mit dem ständigen Gerede über AHA+L grundlegend versaut. Vielleicht ginge »anlassunbezogene Fröhlichkeit«? Das wäre doch was! Er könnte ein Grinsen von jedem guten Staatsbürger einfordern. Im Sinne des gesellschaftlichen Zusammenhaltes könnte er die Leute auch dann zum Lächeln auffordern, wenn es ihnen situativ schwer fallen würde. Wenn beispielsweise im übervollen ICE die Ansage über die defekten WCs kommt oder wenn einem der Arzt die Diagnose über den Hodenkrebs im Endstadium überreicht. Oder wenn die Pommes an der Currybude alle sind und man erst mal fünf Minuten warten muss, um frische zu bekommen. Er dachte an Laschets und sein eigenes Lächeln im Ahrtal. Das wäre beinahe auch für ihn selbst schiefgegangen. Er verwarf den Gedanken.

Sein nächstes Fünf-Jahres-Thema musste ein Kracher sein. Es musste so kurz sein, dass man es auf Mützen wie die von Trump drucken konnte, und so tiefsinnig, dass seine Besprechung in jedem Grundkurs im Fach Politische Bildung möglich war.

Steinmeier schrie »ficken!«. Das war doch ein guter Weckruf in einer überalternden Gesellschaft! Zudem war es lebensbejahend und plakativ. Doch die Blicke der bereits anwesenden Delegation der »Katholischen Frauen Deutschlands«, die er in ein paar Minuten für die wunderbare Idee einer Karnevalsfeier mittels Videokonferenz im Altersheim Betzdorf mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ehren sollte, verrieten ihm, dass dieses Motto vielleicht nicht auf den breiten Konsens stieß, den es verdiente. »Immer weiter ganz nach vorn«, »An apple a day keeps the doctor away«, »Der frühe Vogel fängt den Wurm«, »Werde Blutspender!«, »Nur die Liebe zählt« … Irgendwie war das alles nicht griffig genug.

Er könnte sich gegen die Volkskrankheit der Schlaflosigkeit einsetzen und seine besten Tischreden auf CD als autogenes Training verkaufen. Aber auch das fühlte sich irgendwie nicht richtig an. Warum war es nur so verdammt schwer, ein gutes Präsidentschaftsmotto zu finden? Missmutig trabte er auf die katholischen Karnevalistinnen zu. Sie kicherten. Steinmeier blickte an sich herab, sah den offenen Hosenstall und den heraushängenden Penis. Wahrscheinlich war das beim Präsidentenkegeln passiert. Er zuckte mit den Schultern und murmelte leise: »Ist doch auch schon egal.« Da hatte er es endlich!

ANDREAS KORISTKA

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