Labsal für Alice

FERNSEHEN

Alice Schwarzer wird achtzig. – Was? Die sieht doch schon seit Jahren aus wie hundert, sagen jetzt sicher viele dünnhaarige, fettbäuchige Herren. Was ist das bloß mit dieser Frau, warum schüttelt (das Ganzkörperschütteln ist gemeint) sich die halbe Nation, wenn ihr Name genannt wird?

Es war sicher eine Herausforderung für die Degeto, als der Sender, natürlich aus frauenpolitischen Gründen, entschied, Alice Schwarzer einen Zweiteiler zu widmen. Eigentlich sollten Hauptfiguren im ARD-Abendprogramm ausnahmslos sympathisch sein. Und wenn nicht, dann wenigstens drollig. Wer aber will denn so einer kratzbürstigen Lesbe über zwei Fernsehabende folgen?

Karsten Weyershausen


Diese Befürchtung ist von Beginn an spürbar. Eine starke, freche Frau, die sich durchsetzt – das musste zwar erzählt werden, aber so spät im Abendprogramm wie möglich. Um Alice lieb zu gewinnen, tanzen wir mit ihr durch Paris. Eine lange, süßliche Lovestory soll beweisen, wie reizend, anschmiegsam und heterosexuell Alice Schwarzer sein kann. Ständig gibt es Bussis für den hübschen Franzosen, der ein geborener Feminist ist. Alle lieben Alice und sie ist eine richtige Schönheit.

Konflikte werden umschifft. Wenn der Mann mal aufmuckt, Alice herausgefordert wird, die Krallen auszufahren, und jeder denkt: »Bitte, mach den Typen nicht kaputt!«, endet der Dialog mit einem verschmitzten Lächeln, Händchenhalten, Rotweintrinken und angedeutetem Sex.

Die junge Alice Schwarzer ist impulsiv, humorvoll und ein bisschen entrückt. Ein Muss für Frauenfiguren, die nicht offensichtlich sexy sein dürfen. Sie lacht oft unvermittelt auf und schmiert sich Sauce béarnaise mit den Fingern ins Gesicht. Was für ein Teufelsweib!

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Um zu verstehen, wie aus dem lustigen Aupair-Mädchen eine entschlossene Frauenrechtlerin wurde, reicht das nicht aus. Kein schlagender Ehemann, der sie unterdrückt, kein schlimmes Elternhaus. Und der Wunsch, Journalistin zu werden, ist in den Siebzigern für eine Frau nicht mehr völlig absurd. Aber Paris sieht eben schön aus. Das junge Paar kocht viel, tingelt minutenlang über Flohmärkte, kauft Baguettes, und sie tut so, als ob sie schreibt.

Bis zur Mitte des ersten Teils des Biopics können die dünnhaarigen, fettbäuchigen Herren sagen: Ach, schau an, die war ja gar nicht immer so hässlich. Und da wollte auch mal ’n Kerl rüber? Wer hätte das gedacht.

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Die Lebensleistung dieser Frau wird fast beiläufig erzählt. Als wäre sie da so reingerutscht. Dabei ist Alice Schwarzer eine der wichtigsten deutschen Frauen der Nachkriegsgesichte (ob Frau Merkel dazu zählt, wird noch verhandelt). Nina Gummich spielt Alice Schwarzer beängstigend gut. Es sind die groben Gesten, das Kumpelhafte und die Penetranz, die aus dem fröhlichen Mädchen die wütende Emanze machen, vor der sich Deutschland in den Achtzigern fürchtete. Nach ihrem Coming-out und der Trennung von dem verständnisvollen, hübschen Franzosen spielt Nina Gummich eine trampelnde, wütende, besessene Alice Schwarzer. Sie erkennt, wo sie gebraucht wird, und beginnt, sich unbeliebt zu machen.

Hier hätte der Film beginnen können. Dort, wo es weh tut. Alice Schwarzer, die über ausgebeutete, misshandelte, unglückliche Frauen schreibt. Die gegen das Abtreibungsverbot demonstriert und sich mit mächtigen Männern anlegt. Henri Nannen wird von ihr überzeugt, den berühmten Titel zum Abtreibungsparagrafen mit vielen bekennenden Frauen zu drucken. Rudolf Augstein bietet ihr eine Festanstellung beim Spiegel an, die sie wegen offener Frauenfeindlichkeit in der Redaktion ablehnen muss. Wirklich spannend wird es, als sie ihren eigenen Weg zu gehen beginnt. Aber da hört die TV-Geschichte auf.

Es hätten Filme werden können, die zeigen, wie es immer noch ist. Welchen Shitstorm Alice Schwarzer ertragen muss, wenn sie die Wahrheit sagt. Darüber, wie weit wir von Gleichstellung entfernt sind, und dass wir uns mit Frauensolidarität schwertun.

Trotzdem, mit einem ARD-Zweiteiler geehrt zu werden, ist ein Labsal für Alice Schwarzer – auch wenn es einige schüttelt beim Klang ihres Namens. Herzlichen Glückwunsch, Alice, bitte bleib eine Kratzbürste!

FELICE VON SENKBEIL

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