Der Kanzlerkönner

Von CARLO DIPPOLD

Auf der Hauptstraße des 600-Einwohner-Ortes Dorfzell ist nicht viel los. Die Szenerie könnte kaum kontrastreicher sein zum wuseligen Berlin, in das es den aktuell bekanntesten Sohn des Dorfes zieht. Menschen sind keine zu sehen. Hin und wieder prescht ein Auto vorbei, ein Hahn kräht, pflichtschuldig bellt irgendwo ein Hund, sonst liegt der Dorfkern ruhig da. Doch dann regt sich etwas, die Kirchentür knarzt und eine alte Frau mit geblümtem Kopftuch tritt heraus. Zuerst winkt sie ab und will weitergehen, bleibt dann aber doch stehen. Presse im Ort sei sie zwar mittlerweile gewohnt, sie persönlich wolle sich jedoch nicht zur K-Frage äußern. Eine Meinung? Doch, doch, die habe sie natürlich, aber sie wisse noch, wie der Thomas früher gewesen sei. Unter ihrer Treppe habe er sich versteckt, um der Sandra, das sei ihre Nichte und ein paar Jahre älter als der Thomas, unter den Rock zu schauen, wenn sie die Treppe hoch kam. Klar, das sei lange her, aber ihr sei es eben im Gedächtnis geblieben, sie könne diesbezüglich nicht aus ihrer Haut. – Ob sie sich den Thomas trotzdem als Kanzler vorstellen könne? Ach, sagt sie und lacht, vorstellen könne sie sich viel. »Und eine Ehre wäre es ja schon, wenn einer von hier Bundeskanzler werden würde.«

Weiter geht es im EULENSPIEGEL 07/2020:

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