Ich weiß, was dein Opa letzten Hitler-Sommer getan hat

Diesen Internet-Sommertrend hat niemand kommen sehen. Seit die Mitgliederkartei der NSDAP bei Spiegel und Zeit online gestellt wurde, herrscht die totale Mobilmachung an den mobilen Endgeräten. Die in Teilen gesichert rechtsextreme Partei stiehlt derzeit sogar den Social-Media-Trollen der AfD die Show. Generalstabsmäßig arbeiten Nachkommen von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt ihre dunkle Familiengeschichte auf.

Das digitale Angebot kommt zur nazi-goldrichtigen Zeit: Wenn die Zukunft eines Landes nichts mehr hergibt, kann man froh sein, sich wenigstens auf die Vergangenheit stürzen zu können. Das Jahr ist erst zur Hälfte rum, doch Deutschland gilt jetzt schon als Topfavorit bei der Erinnerungsweltmeisterschaft. Für alle, die mehr wissen wollen über den heißesten Scheiß seit der Ice Bucket Challenge, dem Harlem Shake oder der Biernominierung, haben wir hier die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengefasst.

Felix Gropper

Welche Vorteile bieten die Suchmaschinen von Spiegel oder Zeit?

Die hippen Nazi-Tools der beiden Verlage machen aus der Recherche ein Kinderspiel. Benötigt werden keinerlei technische Vorkenntnisse, auch wenn es für den Gesamtkontext nicht schadet, grob zu wissen, wie eine V2 oder eine Messerschmitt Me 262 funktioniert. Spiegel Online beschreibt seine Suchmaschine zutreffend als »smart«, weil man sich in der Straßenbahn, bei einer Bloody Mary oder im Wartezimmer beim Lagerarzt seines Vertrauens gechillt durch die gruseligen Parteiakten klicken kann, ohne tonnenweise Kartonagen aus den Dreißigern zu wälzen. Außerdem rechnet sich Spiegel Online verdientermaßen hoch an: »Die Suche ist tolerant. Sie vergibt Tippfehler und Ungereimtheiten.« Auch rassistischer Gesinnung, der Beteiligung an Massenmorden oder sonstiger Verbrechen gegen die Menschlichkeit begegnet das smarte Toleranz-Tool nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern sagt einfach nur, was ist – getreu dem zeitlosen Motto von Adolf Augstein.

Warum wurden die Daten ausgerechnet von einer US-Behörde veröffentlicht?

Dass das US-Nationalarchiv die NSDAP-Mitgliedskartei als Erstes der Öffentlichkeit digital zur Verfügung gestellt hat, ist kein Zufall. In der amerikanischen Bevölkerung herrscht seit jeher ein großes Interesse daran, sich mit der Geschichte ohne Rücksicht auf Verluste auseinanderzusetzen. Das betrifft insbesondere auch die eigene Vergangenheit. So soll demnächst auch die Kartei zum Genozid an den Indianern digitalisiert werden – spätestens zum vierhundertsten Jahrestag des Wounded Knee-Massakers von 1890.

Wie ist der Hype zu erklären?

Die »Jagd auf Opa« (Alan Posener) macht nicht nur Megafun, sie stillt auch ein tiefsitzendes Bedürfnis einer ganzen Enkelgeneration. Jahrelang hat ihr der Pantoffel-Greis in seinem Sessel weisgemacht, er könne kein Gebisswässerchen trüben. Dabei haben Millionen von Nachkommen schon immer geahnt, dass sich hinter dem debilen Dauergrinsen das Böse verbirgt. Durch die Mitgliederkartei wird aus dem Verdacht endlich Gewissheit: Opa roch nicht nur wie ein Monster, er war auch eins.

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Ist das History-Porn oder kann das weg?

Dieses Pauschalurteil, das Sexologen wie Jakob Augstein vertreten, kann man so nicht stehen lassen. Die Suchmaschinen sind nicht einfach nur History-Porn, sondern History-Porn vom Feinsten. Wenn Spiegel Online einsteigt mit dem Balzruf: »Finden Sie heraus, was Ihre Familie unter Hitler getan hat«, muss man nicht erst zwei Semester Neuere Geschichte studiert haben, dass es einem am ganzen Volkskörper kribbelt. Spätestens bei der internationalen Aufforderung »Find out here!« gibt es kein Halten mehr. Feuchte Erinnerungen werden wach an den Dreiklang der Telefonseelsorge »Ruf! Mich! An!« – alte Nazi-Karteileichen werden es dir besorgen.

Beteiligen sich auch Politiker an der Suche?

Mit Renate Künast, Karl Lauterbach und Bodo Ramelow haben bereits drei namhafte Persönlichkeiten aus der Politik ihre Suchergebnisse bekanntgegeben, mit familiären Trefferquoten, die sich durchaus sehen lassen können. Mindestens eine weitere Politikerin möchte mit der Recherche nachziehen. »Ich habe da so ein Bauchgefühl«, sagt Katrin Göring-Eckardt.

Welche Anfängerfehler gilt es zu vermeiden?

Im Umgang mit der Mitgliederkartei gibt der Historiker Johannes Spohr allen Unerfahrenen den dringenden Rat: »Wer anfängt, nachzuforschen, benötigt Geduld, Offenheit und Frustrationstoleranz.« Selbst wer sich bei seinen Großeltern todsicher ist, muss damit rechnen, keinen Treffer zu landen und den ganzen Aufwand umsonst betrieben zu haben. Hinzu kommt der soziale Druck: Wer nichts vorweisen kann, steht schnell im Verdacht, das braune Familienerbe vertuschen zu wollen. Deshalb gilt: Nicht bei den engsten Verwandten aufhören, sondern den Suchradius erweitern auf den Urgroßonkel oder die Stiefoma der Schwippschwägerin fünften Grades! Recherchieren Sie bis zur Vergasung – das sind Sie Ihren verstrickten Vorfahren schuldig!

Wie gehe ich verantwortungsvoll mit den Daten um?

Um peinliche Situationen zu vermeiden, haben Spiegel Online und Zeit mit einem Suchfilter vorgesorgt. Nur solche Mitglieder finden sich in den Akten, deren Geburtsjahr mindestens einhundert Jahre zurückliegt. Bei einer 99-jährigen Oma muss man sich also noch etwas gedulden. Aber spätestens an ihrem runden Geburtstag darf man die Bombe platzen lassen. Dabei ist natürlich Fingerspitzengefühl gefragt. Nicht alle Seniorinnen und Senioren gehen mit ihrer NSDAP-Vergangenheit gleich souverän um. Daher gilt es im Vorfeld sorgsam zu prüfen: War die alte Dame nur einfache Mitläuferin, die sich im Nachhinein eventuell schämt, oder überzeugtes Parteimitglied, das gerne in alten Erinnerungen schwelgt, zumal diese das Einzige sind, was ihr Demenzhirn konserviert hat?

Gibt es alternative Datenbanken?

Wer sich mit der Mitgliederkartei nicht abfinden möchte, kann die Recherche vertiefen und ist herzlich eingeladen zum Durchwühlen der Entnazifizierungsakten, der Wehrmachtsunterlagen oder der farbenfrohen Poesiealben des Bunds Deutscher Mädel. Und wer es ganz genau wissen möchte, kann bei der Gesetzlichen Krankenkasse einen Antrag für einen Nazi-gen-Test auf Rezept stellen.

Und sonst?

Muss die deutsche Geschichte umgeschrieben werden? Ab wann merke ich, dass ich süchtig nach NS-Zeug bin? Warum musste Hitler sterben? Wann kommt die digitale AfD-Mitgliederkartei? – Diese und weitere Fragen beantworten wir in einer der kommenden Ausgaben oder spätestens nach dem Ende des Dritten Weltkriegs.

FLORIAN KECH

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