Grüne Welle zum Endsieg

Von MATHIAS WEDEL

Es war am 14. Februar, ein Freitag, gegen 8:30 Uhr. Gerlinde P. (32) befand sich auf ihrem Arbeitsweg zu »Norma«, wo sie Gemüse einzuräumen hatte. Da schlich ein monströses Fahrzeug durch Eberswalde, einer Kreisstadt kurz vor Polen. Es war größer und hässlicher als ein SUV, mit Stahl beplankt, und anstelle von Fenstern – so gab es Gerlinde später bei der Polizei zu Protokoll – hatte es Sehschlitze nach allen Himmelsrichtungen. Auf der Bahnhofsbrücke blieb es stehen, als würde seine Besatzung der Tragfähigkeit des Bauwerks misstrauen, lange, bedrohlich. Dann arbeitete es sich Meter für Meter vor, bis es Gerlindes Blicken entschwunden war. Wer weiß, was die Böses im Schilde führen, dachte Frau P. und erstattete Anzeige gegen Unbekannt –»aus Liebe zu meiner Heimatstadt«.

Zeichnung Burkhard Fritsche

Das Ding hatten auch andere Bevölkerungsteile gesehen. Wie aus dem Nichts löste sein Anblick Panik aus. Die Fakten (nach dem Hörensagen): Busse standen plötzlich quer, Frauen trommelten gegen die Scheiben der Metzgereien und brüllten: »Milch für unsere Kinder!«, Wölfe suchten Dönerbuden auf (jemand hatte im Zoo das Gatter geöffnet), in Westend gab es kein Wasser mehr, Männer rannten mit Kanistern zu den Hydranten, in der Friedrich Ebert-Straße versuchten Frauen, ihre Neugeborenen an Passanten zu verkaufen, das Rathaus wurde von Mitgliedern des Arbeitskreises Philosophie der Stadtbibliothek belagert, die Wahrheit und Wahrhaftigkeit forderten.

Warum die Leute so überreagierten? Eberswalde wurde ziemlich genau vor 75 Jahren in Schutt und Asche gelegt – und zwar verrückterweise »von unseren eigenen Kräften«, von Görings Luftwaffe. Die Volksgemeinschaft verlor darob schlagartig ihr Urvertrauen und ist seitdem hochgradig misstrauisch.

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