Meisterwerke

Kunst von EULENSPIEGEL-Lesern, gediegen interpretiert

Valentin Bezruk, per E-Mail

»Es ist schwer, zu Hause genau so Zähne zu putzen, wie es meine Zahnärztin empfiehlt«, behauptet eine Trulla im Reklamefernsehen und grient dabei mit schneeweißen Zähnen, die ihre Aussage konterkarieren, in die Kamera. Doch bevor man denkt: »Meine Güte, ist die doof, die Alte! Wahrscheinlich kann sie zu Hause nicht mal scheißen, wie es ihr Proktologe empfiehlt!«, sollte sich jeder an den eigenen Zahnstein fassen und sich fragen: Weiß ich überhaupt, welche Putzmethode mein eigener Zahnarzt bevorzugt? Und kann ich ihr gerecht werden?

Zu diesem Thema nimmt das vorliegende Werk Stellung und damit sogleich eine herausragende Position in der Kunstgeschichte ein. Denn abgesehen von Gerrit van Honthorsts »Der Zahnarzt« (Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden) wurde das Sujet der Mundhygiene in der Welt der Kunst bisher eher stiefmütterlich behandelt.

Im Zentrum des Bildes, das einem Monitor nachempfunden ist, sehen wir ein gelbes Nilpferd mit ungewöhnlich langem Schwanz und drei Krallen an jedem Huf. Die grauen Haare zeigen, dass es sich um ein älteres Exemplar handelt, die Beißerchen scheinen aus Sicht des Laien dennoch gut in Schuss zu sein. Die Zahnstellung hingegen lässt auf mangelhafte kieferorthopädische Eingriffe in der Jugend schließen. Zwei weiße Hände öffnen gewaltsam das Maul des Tiers, während das Logo der Arztpraxis und Buchstaben wild über das Nilpferd hinwegfegen und darauf hindeuten, dass bei der örtlichen Betäubung Anästhetika möglicherweise falsch dosiert wurden. Der rote Teppich wiederum symbolisiert die geschmacklose Einrichtung in Zahnarztpraxen. – Ein furioses, wildes Gemälde!

Und doch bietet es Platz zur Identifikation: Im Leid des Nilpferds erkennt sich der Betrachter aufgrund seiner eigenen Angst vor dem Zahnarzt wieder. Er fühlt mit ihm den Schmerz, den Bohrer, Matrizenspanner, Zange, Wurzelheber, gezackter Schmelzhobel und rotierendes Zahnfleisch-Skalpell verursachen können. – Die Botschaft des Werkes ist klar: Dies wiederfährt jedem, der zu Hause seine Zähne nicht so putzt, wie es die Zahnärztin empfiehlt!

CHRISTIAN SZELL

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