Ein Anruf bei Till Backhaus

Herr Backhaus, in Ihrer Funktion als Landwirtschaftsminister Mecklenburg-Vorpommerns haben Sie dem gestrandeten Wal Timmy emotionalen Beistand geleistet. Wo ist Timmy jetzt?
In der Nordsee. Er frisst Fisch und es geht ihm gut. Das wissen wir, weil ihm ein Tracker angeschraubt wurde. Zuerst wollte man eine Smartwatch verwenden, aber da haben wir vom Ministerium gesagt: Das geht so nicht! Deshalb hat man Spezialgerät aus Amerika einfliegen lassen: einen Tracker, der für Hunde entwickelt wurde. Und der funktioniert und hat gut ein Dutzend Signale gesendet. Das ist ein großer Erfolg!
Nachdem wochenlang jeder Atemzug des Wals aufgezeichnet worden ist und das ganze Land mit dem Tier mitgefiebert hat, gibt es ausgerechnet von seiner Freilassung kein Video oder sonstige nachprüfbare Beweise für seinen Verbleib. Die auf der Barge anwesende Tierärztin war eigenen Angaben zufolge just im Moment der Freilassung auf Toilette und hat nichts mitbekommen. Woher wissen Sie dann, wie es dem Wal geht?
Als Landwirtschaftsminister spürt man das. Ich habe dem Tier in die Augen gesehen. Wir haben eine tiefe Verbindung. Ich habe den Wal elf Mal in Augenschein genommen. Elf Mal! In Zahlen: 11. Ich weiß alles über den Wal. Alles! Ich habe Ostern mit diesem Wal verbracht. Und ich habe ihn auch für Weihnachten eingeladen vorbeizukommen. Und? Bei unserem Abschied wusste er noch nicht, ob er es zeitlich einrichten kann.
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Dass nach all der Spannung, ob der Wal überlebt oder nicht, das Ende offenbleibt, wird von vielen als unbefriedigend empfunden. Man spricht schon – analog zum physikalischen Gedankenexperiment mit der Katze – von Schrödingers Wal. Können Sie das nachvollziehen?
Nichts bleibt hier offen! Dem Wal geht es hervorragend! Die private Rettungsinitiative weiß, was geschehen ist und hat dafür handfeste Beweise, die sie aber niemandem zeigen kann. Das ist zum Wohle des Wals, das schützt ihn vor Stalking. Außerdem kann im Nachhinein natürlich jeder daherkommen und sagen: Hättet ihr mal hier auf die Experten gehört, hättet ihr mal da gemacht, was die Fachleute gesagt haben … Ob Experten recht haben, weiß man eben auch immer erst hinterher. Und im Gegensatz zu Ihnen und diesen ganzen sogenannten Walexperten verlasse ich mich auf die wissenschaftlichen Daten, die der Unterwasser-Hundetracker gesendet hat. Ich spekuliere nicht, ich arbeite faktenbasiert.
Sie haben den Wal in einer Pressekonferenz mal mit Jesus Christus verglichen und gesagt, er habe »Symbolkraft für ganz Deutschland, nein, für Europa und die ganze Welt«. – Halten Sie die Erscheinung und das Verschwinden des Wals für ein religiöses Zeichen, mit dem der Glaube der Menschen an ein Überleben des Wals getestet werden soll?
Dass der Wal lebt, ist eine Tatsache und hat nichts mit Glauben zu tun! Mein Ministerium hat die Daten bisher nicht einsehen können, aber sie zeigen ganz klar: Der Wal ist bis 150 Meter tief getaucht, mehrfach aufgetaucht und hat Fisch gefressen – das ist bewiesen, weil Möwen über dem Wasser geflogen sind. Und was ist da, wo Möwen fliegen? Na? Was? Fisch. Genau! Er hat jeden Tag 983 bis 1261 Kilo Fisch zu sich genommen, sein Puls und Blutdruck sind stabil, das EKG ist unauffällig. Es geht ihm sehr gut. Sehr, sehr gut. Er hat auch schon eine Wal-Dame gefunden, und – ich weiß nicht, ob ich das verraten darf, aber er hätte bestimmt nichts dagegen, deshalb sage ich es jetzt: Die Walkuh ist schwanger. So! Es wird ein Mädchen! Und ich soll Patenonkel werden.

Das alles lesen Sie aus den zehn, fünfzehn Ping-Signalen, die der Hundetracker angeblich gesendet hat?
Es gibt ja nicht nur die Tracker-Daten! Ich bin doch nicht blöd! Ein Wal ist auch ein Säugetier. Das wissen Ignoranten wie Sie natürlich nicht. Und als Tierhalter kenne ich mich mit Säugetieren aus. So ein Wal ist im Grunde nur ein großer Dackel. Oder ein Pferd mit Flossen. So! Das ist doch alles wissenschaftlich belegt. Ich habe mich mit Hochsachverständigen ausgetauscht, die …
Mit wem?
Mit Hochsachverständigen, die ihre Namen aber nicht nennen wollen und lieber anonym bleiben. Und die haben mir gesagt: »Till«, haben die gesagt, »das hast du perfekt gemanagt, ohne dich wäre der Wal jetzt tot. Du bist der Beste!« Das sollten vor allem alle Bürgerinnen und Bürger in Mecklenburg-Vorpommern wissen, die demnächst einen neuen Landtag wählen.
Da hat Timmy noch mal Glück gehabt, nicht an einen anderen Minister geraten zu sein.
Allerdings! Ich habe immer gesagt: Ich werde den Wal begleiten – lebend oder tot. Und Tatsache ist: Er ist lebend aus Mecklenburg-Vorpommern rausgekommen. Das können nicht viele Tiere von sich behaupten. Wir wissen: Bis zur Landesgrenze ging’s ihm sehr gut, und das Land hat nicht einen Pfennig dazu bezahlt. Meine Arbeitszeit und die meiner Mitarbeiter, die sich wochenlang damit befasst haben, hätte ja so oder so bezahlt werden müssen. Eine so billige Walrettung kriegen Sie sonst nirgendwo. Schon gar nicht in Schleswig-Holstein oder Dänemark!
Man könnte fast den Eindruck bekommen, Ihre Hauptsorge sei gewesen, dass Timmy innerhalb Ihres Zuständigkeitsbereichs krepieren könnte. Sind Sie erleichtert, dass er alleine weit draußen in der Nordsee ertrunken ist?
Noch mal: Der Wal lebt! Ich weiß, dass der Wal lebt. Ich weiß es! Ich weiß es! Ich weiß es! Er lebt! Wir haben hier einen riesigen Erfolg zu vermelden. Darf man das in Deutschland nicht mal sagen? Sofort wird diese sensationelle Tierrettung schlecht geredet.
Weinen Sie etwa schon wieder?
Ja. Vor Freude, weil es dem Wal so gut geht. Nie ging es einem Wal besser! Und wer was anderes behauptet, muss dafür Beweise vorlegen.
GF
13. Mai 2026, vor Timmys Fund vor der dänischen Ferieninsel Anholt
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