Herr Brechwitz und das Wunschprinzip

Eines Morgens stellte Herr Brechwitz fest, dass sich ihm Wünsche erfüllten. Darüber hätte er eigentlich erfreut sein müssen, aber irgendetwas stimmte nicht: Er wünschte sich zum Beispiel Unsichtbarkeit – und wurde stattdessen völlig vergessen. Auf der Arbeit hatte es ihn nie gegeben, im Freundeskreis kannte ihn kein Mensch, und seiner Frau war er nun völlig egal, statt bloß lästig wie bisher.
Beim nächsten Versuch wünschte er sich, nie mehr eine Rechnung bezahlen zu müssen – woraufhin ihm sein Stromanbieter den Anschluss blockierte und die Wasserbetriebe keinen Tropfen mehr durchs Rohr schickten. Außerdem blieb die Heizung kalt, und Brechwitz’ Konto wurde gesperrt. So musste er tatsächlich keine Rechnung mehr bezahlen.
Als er sich daraufhin »innere Ruhe« wünschte, fand er sich Sekunden später in einem Wartezimmer bei Kerzenschein und Orgelmusik wieder, das zu einem Bestattungsunternehmen gehörte.
Sein Wunsch nach »Weltfrieden« führte zur weltweiten Einstellung aller Nachrichtenportale, und auf das Verlangen nach »ewiger Jugend« verschwand seine Geburtsurkunde, wodurch er nicht mehr altern konnte, weil er offiziell nie geboren worden war.
Um das alles zu ändern, trat Herr Brechwitz in die Politik ein. Dort fiel seine Unfähigkeit, das Gewünschte zu erreichen, gar nicht weiter auf. Im Gegenteil: Man lobte ihn für seine »strategische Zielverfehlungskompetenz«.
Brechwitz machte schnell Karriere – schließlich war er der Einzige, dessen Versprechen sich fast erfüllten.
RU

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