Voll für den Eimer

FERNSEHEN

Ausgebremst« – was für ein subtiler Titel für eine Dramedy-Serie (ein Zwitter aus Drama und Comedy), die in einer Fahrschule spielt! Warum nicht »Angebumst« oder »Überfahren«? Nein, »ausgebremst« ist besser. Ausgebremst zu werden oder zu sein ist das Drama dieser Tage – Kneipenwirte, Ossis, Mehrgeschlechtler oder Rentner, denen Kreuzfahrten versagt bleiben, lernwütige Kinder – alle fühlen sich ausgebremst. Die armen Künstler erst recht, die nun ein Jahr lang nicht auf Minijob-Basis an ihren »Herzensprojekten« arbeiten konnten, keine bewegende Inszenierung von »Charleys Tante« auf die Provinzbühne bringen konnten und womöglich einem erniedrigenden Broterwerb nachzugehen hatten – statt weiter an der nächsten, der größten Seifenblase zu üben.

Den ohne äußeren Auftrag in der Pandemie auf sich selbst geworfenen Künstlern ist diese kleine Serie in der ARD gewidmet. Es soll sogar ein Spendenkonto geben.


Die Künstler, gespielt von nach Öffentlichkeit hungernden Schauspielern, belagern per Videoanruf ausgerechnet eine Fahrschule, um sich ihren Kummer, ihre Existenzangst oder Langeweile von der Seele zu tratschen. Warum rufen sie nicht die Künstlernothotline an? Oder die – neben dem Herrn Spahn – größte Versagerin in der Pandemie, die stets entrückt lächelnde CDU-Heroine Monika Grütters, ihre Kulturministerin?

Das erklärt sich leicht: Eine Fehlschaltung im Land der digitalen Revolution ist schuld, eine jener Katastrophen, von denen Kinder im Homeschooling ein Lied singen könnten!

Künstler auf Adrenalin bzw. kurz vor dem Hungertod rufen bei der Fahrschule an – kann es etwas Lustigeres geben?

Eine Fahrschule ist ein hässlicher Ort mit Verkehrsschildern, Gummidummy (um ein Auto zu lenken, muss man vor allem die Mund-zu-Mund-Beatmung beherrschen) und Kaffeeweißer. Die Welt der Künstler dagegen ist immer eine Überraschung, nah beim Jubel, nah bei den Tränen oder beides zugleich. Mal melden sie sich per Handy aus einem Park, weil sie gegen die Depression anjoggen, mal aus der Kneipe, wo sie sich allein besaufen, mal aus dem Maskenmobil am Set, weil sie einen einzigen verdammten Drehtag ergattert haben. Sie melden sich bei Frau Furtwängler – sozusagen die Barbara Schöneberger des spannungsgeladenen Fernsehfilms. Die Furtwängler spielt die Fahrschulchefin, sitzt am Fahrsimulator und hört sich das Gejammer an. Warum sitzt sie am Fahrsimulator? Im Moment vermuten wir (zu Recht): weil sie besoffen ist. Jeder »Zusehende«, der bei Sinnen ist, würde jetzt abschalten. Denn was jetzt nur noch kommen kann, ist das Schlimmste, was Humorschreibern einfällt– der Trinkerhumor! Und so kommt es auch. Aber zuvor erfahren wir, dass Beate (wie immer unverwechselbar: die Furtwängler!) in einer Krise steckt. Sie sitzt im Simulator, um zu üben. Bei einer Trunkenheitsfahrt hat sie ihren Lappen eingebüßt. Sie ist also nicht nur betrunken, sondern häufig betrunken. Und warum? Ihr Gatte, der Fahrschulinhaber, ist mit einer Fahrschülerin in ein neues Glück abgebraust.

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Zwingend erleben wir Beate kurz vorm Suizid. Lustig, oder? Wodka und Tabletten. Eine schauspielerische Herausforderung, an der schon größere Talente (Romy Schneider, Marilyn Monroe und Roy Black) gescheitert sind. Die Furtwängler jetzt auch. Aus der Zurichtung ihrer eigenen Schnapsleiche macht sie Shakespeare auf der Schultheaterbühne. Als »Zusehender« wünscht man sich, vor ihr zu sterben.

Im deutschen Sprachraum konnte nur einer besoffen spielen, ohne es zu sein: Harald Juhnke. In »Musik ist Trumpf« baute er manchmal komische Stolperer ein, um das Publikum erschaudern zu lassen: Ist er blau? (Später war er es dann wirklich.) In »Der Trinker«, Verfilmung des Fallada-Romans, zeigte Juhnke, wie man präzise, also stocknüchtern betrunken spielt – bis heute unerreicht.

Frau Furtwängler kennt Alkohol wahrscheinlich nur als Fleckentferner. Sie torkelt albern, unterbricht die Gespräche mit den kaputten Künstlerseelchen durch ständiges Aufstoßen und Kotz-Attacken (die Pillen müssen erbrochen werden – es ist eine Serie, die Filmschaffende wird noch gebraucht!). Nur mit Suff ist zu begründen, warum Beate im Simulator hocken bleibt und sich von Künstlern bequatschen lässt. Die Darsteller der Darsteller nutzen die Gelegenheit, alle erdenklichen Klischees abzuliefern. Vermutlich wurden sie aufgefordert »ihrem Affen Zucker zu geben«. Endlose Monologe, überzogene Charaktere in psychischen Ausnahmesituationen, endlich mal wieder zeigen, was man kann. Oder eben nicht kann.

Ulrike Folkerts, seit Jahren als Kommissarin endgelagert, mimt eine Stuntfrau, die auch mal im Rampenlicht stehen will. Sie kündigt ihren Suizid bei der nächsten Stuntszene an. Wieder Selbstmord, also lustig. Beate hilft ihr mit Fahrlehrerweisheit übern Berg: So ein Aufprall ist auch nicht schön. Und wer soll die Sauerei dann aufwischen? Auch mal an andere denken, nicht nur, dass es einem selbst gut geht.

Wie das ausgeht … man ahnt es schon. Beate schöpft neuen Lebensmut, sie hat ihre Berufung gefunden, Seelsorgerin mit Anwendung der StVO. Es wird mit Toten gesprochen, Sextipps werden ausgetauscht, Teenager mit ihren Eltern versöhnt. »Pimmel« wird mal gesagt und einmal »Fotze«, Kotzeimer immer parat.

Aber keine Angst: Nur zehn Minuten pro Folge, dann ist es schon vorbei.

FELICE VON SENKBEIL

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