Abschied mit Dankeswurst

UNSERE BESTEN

Zeichnung von Frank Hoppmann

Vor Schreck blieben die Uhren stehen. Den zur Pressekonferenz mit Mann und Maus versammelten Journalisten gefroren vor Entsetzen alle Sinne. Und 291 000 eingeschworene Vereinsmitglieder, die sich aus allen Ecken des Universums via Livestream zugeklickt hatten, erlitten einen Schock, der bis in die dampfende Hose reichte: Uli Hoeneß wird als Vorsitzender des Aufsichtsrates der FC Bayern München AG am 15. November 2019 nach Gottes Geburt und 67 Jahre nach seiner eigenen aufhören!

Seit diese Sensationsmeldung im August den Globus überrollte, ist die Welt nicht mehr dieselbe. Wird der FC Bayern nun untergehen, plattgemacht von der hochgezüchteten internationalen Konkurrenz? Wird er sogar im eigenen Land bald von anderen Bundesligisten abgehängt und zerfleischt? Man denke an potenziell noch besser genährte Vereine wie den von Red Bull gefütterten RB Markranstädt!

Wohingegen der FCB von millionendicken Schulden zerquetscht werden könnte, wie es sich schon einmal an der Wand abzeichnete, damals in den 70ern, als millionenschwere Schulden den Verein zu ersäufen drohten – bis 1979 der Spieler Hoeneß die Füße auszog und als frisch getaufter Manager den Verein in goldene Dimensionen führte! Ja, genau beziffert sogar schon ab 1978: Da war er noch in seinen Fußballstiefeln zu Hause und schaffte es, nebenher die Firma Magirus-Deutz an Land zu locken und mit ihrem frischen Geld Paul Breitner nach München zu bugsieren.

Auch für die Presse ist Hoeneß’ Abschied ein leibhaftiges Menetekel: Worüber sollen die Medien berichten, wenn Hoeneß im Dunkel des Ruhestands verschwunden ist? Eben noch zog er einem Marc-André ter Stegen den Stöpsel, weil der den gelernten Nationaltorwart Manuel Neuer zu überrunden wagte; und kurz zuvor, als Jogi Löw drei hochwertige Bayern-Profis stillgelegt hatte, hatte er gedroht, dem DFB keine Spieler mehr abzutreten, wenn nicht der Herr Bundestrainer nach Canossa kröche. Und die Namen Christoph »Koks« Daum und Willi »Bremen« Lemke sind sowieso nur dank seiner, Hoeneßens, Auftritte bis heute am Leben!

Werden ohne diesen Hoeneß demnächst Tausende Medienleute am Hungertuch hängen? Wird die komplette Öffentlichkeit vor Langeweile austrocknen? Wird am Ende Hoeneß wieder auf die Erde zurückkehren müssen und den FC Bayern, den Fußball und ganz Deutschland in letzter Minute vor dem Absturz ins Nichts erretten?

Tatsächlich war der erste Lärm um Hoeneß’ Ankündigung noch nicht verpufft, da erblickte schon eine Online-Petition das Licht des Internets. Unter dem Schlachtruf »Mia san Uli – Uli Hoeneß muss Uli Hoeneß bleiben« (Wortlaut ähnlich) angelt sie deutschlandweit nach Unterzeichnern und versammelt prominent taxierte Unterstützer in ihrem Heckwasser, die wie der 82 Jahre alte Helmut »Fakten-Focus« Markwort mal wieder die hohe Luft der Aufmerksamkeit atmen wollen, bevor der Saft zur Neige geht.

Ziel und Zweck ist selbstredend, Hoeneß zum Wiedereintritt in die Atmosphäre zu veranlassen und ihn auf das Vereinsgelände an der Säbener Straße herabsteigen zu sehen wie Jesus auf den Tempelberg am Tag des Jüngsten Finales. Auch die Errichtung eines schönen Denkmals in Schweinchenrosa vor dem Stadion und dessen Umbenennung in Uli-Hoeneß-Allianz-Arena, die Einrichtung eines Uli-Hoeneß-Museums und die Umwandlung seines früheren Wohnhauses im Stadtteil Ottobrunn zur Sankt-Uli-Gnadenkapelle sind auf dem Wunschzettel stabil verankert.

Ausgabe 11/2019

Manchen Laien mag die alle Ufer sprengende Verehrung über die Hutschnur gehen, weil sie an Uli Hoeneß’ Gottähnlichkeit zweifeln. Darin haben sie nicht unrecht, denn tatsächlich hat Hoeneß mehr erreicht. Kaum hatte er am 5. Januar 1952 das Geläuf betreten, da war er 22 Jahre später schon mit den Bayern Deutscher Meister, Europapokalsieger der Landesmeister sowie Weltpokalsieger und mit der Nationalelf Europameister und Weltmeister geworden – Gott dagegen hatte in dieser Zeit keinen einzigen Titel errungen und zuletzt mit der Einwechslung von Papst Benedikt ins Stellvertreteramt kein glückliches Händchen bewiesen.

Hoeneß’ heutiges Domizil am stets gut gefüllten See von Bad Wiessee, über den er an freien Tagen gern spazieren geht, soll später (wenn dieses schlimme Wort erlaubt ist!) als Wallfahrtsort für Pilger aus allen Winkeln des Sonnensystems herausgeputzt werden. Schon jetzt aber soll Hoeneß’ selbstgebaute Firma HoWe, die mittlerweile von seinen leibhaftigen Kindern geführt wird und außer Aldi auch die vereinseigene Allianz-Arena mit ihren Fleischwaren top überschwemmt, die täuschend echte Uli-Hoeneß-Dankeswurst auf den Markt stemmen. Letzteres ist allerdings nur ein Gerücht, kein 150 Kilo schwerer Fakt.

Ja, als mit allen Wassern sauber gewaschener Manager, Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender sammelte der freundliche Choleriker von nebenan noch mehr Meistertitel und Pokale in Deutschland, Europa und der Welt drumherum – und das, ohne selber gegen den Ball zu treten und sich die Füße schmutzig zu machen! Wahrlich, es ist bezeugt und bewiesen: Uli Hoeneß hat mehr erreicht, als ein Mensch schaffen kann.

Natürlich weckt das den nackten Neid, wie schon damals bei Jesus. 2014 wurde Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung – er hatte, wie es jeder gesunde Bürger täte, achtundzwanzigeinhalb hart verdiente Millionen Euro lieber selbst verfressen, als dem Finanzamt ein Stück abzugeben – zu einer Haftstrafe tief hinter schwedischen Tornetzen verurteilt und musste sogar den 2002 errungenen Bayerischen Verdienstorden, die 2012 gewonnene Bayerische Staatsmedaille für soziale Verdienste und sein Seepferdchen-Abzeichen zurückgeben. »Geschenkt ist geschenkt – wiederholen ist gestohlen«? Ein wohlgeformter Grundsatz, aber in den Wind genagelt, wenn dieser Staat seine Beamten von der Leine lässt! Neidhammel!

Damals schien das Leben des Uli Hoeneß Löcher zu bekommen, doch inzwischen ist alles vergeben und gegessen. Über 50 Jahre hat er sich bei den Bayern mit der schönsten Nebensache der Welt beschäftigt: Geld. – Kein Wunder, dass er jetzt von Kopf bis Fuß genug davon hat, und Uli Hoeneß ein für alle Mal mit dem Unsinn aufhört. Hoffentlich!

PETER KÖHLER

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