Fürchtet Euch nicht!
Plötzlich erhob sich Isolde (89) ächzend aus ihrem Sessel. »Nun, Werner! Wahrlich, es ist Zeit für mich, so bitter es dir auch ankommen mag«, sagte sie mit fester Stimme. Werner (91) spürte, wie es ihm kalt den Rücken runterlief – so ein hoher, feierlicher Ton, sonst sagt sie doch immer nur: »Ich geh ins Bett, Werner, glotz nicht mehr so lange.«
»Ist doch erst ›Tagesschau‹«, sagte Werner.
»Nein, du hast mich schon verstanden, auch wenn du ein emotionales Walross bist – einmal schlägt jedem die Stunde, wenn ein erfülltes Leben zu Ende …«, sie schluchzte. »… Mir ist nämlich nicht gut, gar nicht gut, aber das interessiert dich ja nicht …«

Aha, jetzt geht sie wohl sterben, und alles nur um mich zu ärgern, dachte Werner. Er sprang vom Sessel auf, bettete die Sterbende aufs Sofa, rannte in die Küche, holte ein Glas Wasser und das Blutdruckmessgerät, riss sinnlos das Fenster auf (instinktiv natürlich völlig richtig – die Seele muss ja raus!). »Notarzt!«, schrie er. »Ich rufe sofort einen Notarzt!«
»Das wirst du schön bleiben lassen, Werner«, entgegnete Isolde erstaunlich gefasst. »Die Hilde, du weißt schon, die bei Edeka die Salattheke macht, ist vorige Woche fast verreckt, so ein Herzflattern hatte die. Die war beinahe schon tot! Da hat ihr Mann auch die Rettung gerufen, die kam und kam natürlich nicht. Inzwischen ging es der Hilde zwar etwas besser, weil ihr Mann ihr Mut zugesprochen und Pfefferminztee eingeflößt hatte. Aber es war klar, dass es zu Ende geht. Da kam endlich dieser Schnösel von Sanitäter, und der hat sie einfach liegengelassen – ›keine Gefahr im Verzug‹ – und ist wieder abgezischt! Dann flatterte eine fette Rechnung ins Haus, 250 Euro wegen unbegründeter Leerfahrt, plus 7,50 Euro Nachtzuschlag! Und so dicke hat die’s doch auch nicht, die Hilde da an der Salattheke!«
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Und Hilde ist kein Einzelfall in unserem Kreis. Die Leute hier sind ja nicht dumm. Die denken sich, ehe ich mich in die Notaufnahme vom Krankenhaus schleppe, wo man halbe Nächte mit Schmerzen auf einem Stuhl verdämmert und zusehen muss, wie sich Säufer mit dem medizinischen Personal prügeln, da rufe ich doch lieber die Rettung. Da kommt man schneller hin und schneller dran. Manchmal spielt aber der Rettungssani nicht mit …
»Zweihundertfünfzig!«, schrie Isolde in ihrem Todeskampf. »Und wegen der Straße von Humus vielleicht noch mehr! Nein, Werner, nicht wahr – das machen wir nicht, oder? Das ist doch das ganze Sterben nicht wert. Denn natürlich sind die Sanifahrer angewiesen, die Leute für gesund zu erklären. Da können sie wieder schön eine Rechnung schicken. Das machen sie sogar, wenn sie eintreffen und ich bereits verstorben bin – das ist ja dann auch eine Leerfahrt, denn die nehmen doch keine Leiche mit in die Notaufnahme! Nein, mit meinem Tod saniere ich die Finanzen des Landkreises nicht!«

Dann war sie endlich still. Aus dem Nebenzimmer erklang die Fanfare der »Tagesschau«. Jetzt verpasse ich auch noch, wenn der Merz zurückgetreten ist, dachte Werner. Plötzlich bäumte sich die Sterbende noch einmal auf dem Sofa auf: »Und wenn der Bestatter kommt – Werner, hörst du?! –, musst du noch mal gucken, ob ich wirklich kalt, richtig kalt bin. Denn wenn ich plötzlich wieder die Augen aufmache, das kommt ja oft vor, hat der auch eine Leerfahrt und die Abzocke nimmt kein Ende.« Dann Stille. Inzwischen hat der Landrat des Kreises erklärt, niemand dürfe aus Angst vor einem Gebührenbescheid zögern, die 112 zu wählen, denn der Rettungsdienst sei »ein Bestandteil der öffentlichen Daseinsfürsorge«.
Ob Isolde das noch erleben durfte? Falls nicht, wird auf ihrem Grabstein stehen: »Fürchtet Euch nicht, sprach der HERR«. Das haben die beiden Eheleute so ausgemacht.
MATTI FRIEDRICH
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