Die Welt – wir gucken sie uns schön!

FERNSEHEN

Als man noch vor, bei und nach dem Schnitzel im Restaurant rauchen durfte, die Haare wie Zuckerwatte klebten, der Islam nicht zu Deutschland gehörte, jeder, der mit am Tisch saß, sich seines Geschlechts völlig sicher und Helmut Kohl the one and only war – in diesem Jahrzehnt waren wir glücklich. Zumindest diejenigen von uns, die einigermaßen jung und naiv waren.

Damals waren Weltuntergangsfilme wie »Independence Day« oder »Outbreak – Lautlose Killer« die Renner, heute läuft echtes Drama bei den »Tagesthemen«. So gruselig – man kann gar nicht mehr hinsehen …

Maxim Seehagen

Es gab starke, permanentgeile Männer und gepflegte dauernette Damen, die süßlich dufteten wie eine japanische Zugtoilette. In diesem Jahrzehnt siegte am Ende stets das Gute – also eine mächtige, christliche Nation repräsentiert durch einen weißen, männlichen Helden (Schwarze wie Will Smith oder Eddie Murphy wurden jedoch geduldet). Das aufgewühlte Kinopublikum konnte beruhigt schlafen gehen. Kein echter Feind war in Sicht.

Man gönnte sich ein Mon Chéri und scheffelte Kohle, träumte von einem BMW-Coupé, einer Eigentumswohnung in Binz, ging zweimal die Woche ins Solarium und ständig war Mirácoli-Tag.

Diese kurze Phase zwischen Kaltem Krieg und 9/11 war so unbeschwert, dass sogar die Geburtenrate stieg und die Selbstmordrate sank (heute ist es umgekehrt). Wir hatten sogar ein Gesellschaftsideal – es entsprach ungefähr der Welt der Teletubbies.

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Vielleicht ist deshalb »die heutige Jugend« so neidisch auf uns. Und weil man damals noch hässlich sein durfte, ohne gedisst zu werden, sich die Scorpions als Lieblingsband leistete und sich Filme auf Videokassette auslieh.

Jedenfalls sind die 90er im Trend, und die Filmindustrie schiebt die Ikonen von damals noch einmal vor die Kameras. Einige waren nie weg, andere haben nach Umwegen erkannt: »Schuster, bleib bei deinem Leisten« und zieh dir das alte Leder hinter den Ohren so lange lang, bis es reißt!

»Baby«, Jennifer Grey, wird sich mit 66 in einer »Dirty Dancing«-Fortsetzung wieder übers Parkett schleudern lassen, Tom Cruise zwängt sich in »Top Gun 3« wieder in einen Kampfjet, freiwillig angeblich.

Dass sich Weltlage und Frauenbild graduell verändert haben, sollte kein Problem sein. Nur bei »Pretty Woman« zögert Hollywood noch. Vielleicht ist Frauen zu kaufen offiziell nicht mehr so angesagt, seit Epstein den Markt versaut hat.

Aber alles, was sonst noch gut lief, wird aufgefrischt. Und dank Digitalisierung bleibt der Teint unbezwingbar frisch. Die »Jurassic Park«-Dinos wurden ja auch schon zum vierten Mal wiedergeboren.

Besonders mutig ist Til Schweiger. Mit seinem Kassenknaller von 1994, »Der bewegte Mann«, will er noch mal abräumen. Das wird ein Spaß, Typen in Leder-Shorts und Fummel, die einen Hetero-Mann sexuell belästigen. Darüber haben wir uns damals schlappgelacht. Das klappt sicher auch erneut. Wenn nicht, schlackert der Schweiger einfach mit seinem Truthahnhals und stellt sich dumm, das ist genauso unterhaltsam. Oder einer pupst heimlich oder ihm wird unerwartet in die Weichteile getreten. Dem Schweiger fällt immer was ein.

Die deutsche Filmwelt ist jedenfalls außer sich vor Spannung, und sämtliche Filmförderanstalten schmeißen dem Schweiger Jutebeutel voller Geld vor seine Villa. Das muss einfach ein Erfolg werden! Dieser Film hatte alles, was die 90er so großartig machten: hemmungsloser Sexismus, geniale Tuntenwitze und pralle, nacktrasierte Männerbrüste. »Alex«, der heiße Hetero-Boy von damals, ist heute ein beziehungsgebeutelter Frührentner mit einem sexy Sohn. Der wird vielleicht ein bisschen schwul sein, aber mit Sicherheit lustig.

Für den gemütlichen Retro-Serien-Abend wird bald wieder »Kommissar Rex« Männchen machen. Der treue Polizeihund mit dem Intellekt eines heutigen Abiturienten ist der bekannteste Österreicher weltweit (nach Adolf Hitler). Zwanzig Schäferhunde werden gerade in einem Labor in Babelsberg geklont und mit Dönerfleisch gefüttert.

Weitere Ideen, die quasi in der Luft liegen: »Hinter Gittern – Der Frauenknast« und »Dr. Stefan Frank – Der Arzt, dem die Frauen vertrauen« könnten zusammengelegt werden als Hybrid-Serie. Frauenthemen werden nie alt. Für »Unser Charly«, die Serie mit dem frechen Affen in Pulli und Windeln, könnte eine KI-Variante entwickelt werden. KI-Affen sollten dann die gesamte Serie übernehmen. Und für den Politthriller »Friedrich rennt!« kommt ein dynamischer Helmut Kohl zurück, dessen Genom vorsorglich eingefroren war.

Manne Krug oder Günter Pfitzmann könnte man mit einer Dosis künstlicher Intelligenz als nach dem Sinn des Lebens suchende Intellektuelle an der Seite von Richard David Precht und Ulf Poschardt wirkmächtig machen …

Oder ist das alles zu kurz gedacht? Formal radikal, politisch kühn und kostenbewusst schlagen jedenfalls die Öffentlich-Rechtlichen zu! Mit »Die Schwarzwaldklinik«, »Alle meine Töchter«, »Schimanski« (alle noch in der Mediathek versteckt) zeichnen sie die Vision einer robusten Gesellschaft, die auch einen atomaren Erstschlag überstehen würde.

FELICE VON SENKBEIL

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