A ram sam sam, o guli, guli …

»A, E, I, O, U, du gehörst auch mit dazu!«, trällerte mein Schätzchen glockenhell von der Rückbank, und ich ahnte, diese Autobahnfahrt könnte anstrengend werden.

Wie froh ich war, als meine Kinder endlich die Kika-App selbstständig öffnen konnten und brav unter den Kopfhörern verschwanden! Die Größeren sind ja eigentlich immer in der Insta-Welt unterwegs und tauchen nur zur Bedürfnisbefriedigung kurz auf. Pinkeln, essen, rülpsen und nach dem Aufladekabel fragen – mehr gibt es auf einer Reise nicht zu verhandeln. Ich sage manchmal Sätze wie: »Legt doch mal die Handys weg und schaut, wie schön die Autobahn gebaut ist!« Oder: »Wer die meisten Windräder zählt, hat gewonnen.«

Manchmal spielen wir »zermatschte Tierkadaver identifizieren«. Aber auch die lustigsten Reisespiele werden schnell langweilig, und dann überlasse ich den Handys die Gehirnaktivierung meiner Kinder. Ab und zu schaue ich, ob sie noch atmen, und reiche mal ne BiFi mit einer Fanta nach hinten. Schließlich befindet man sich auf einer Autobahnfahrt in einer Extremsituation, so wie auf der Titanic oder bei einem Helene-Fischer-Konzert. Man weiß nie, ob man das überlebt, und jeder sollte für sich das Beste draus machen.

Bettina Bexte

Ich verbringe lange Autofahrten am liebsten mit Selbstgesprächen, oft über den Sinn des Lebens. Manchmal frage ich mich auch, ob mir Friedrich Merz leidtun soll oder nicht.

Diesmal war alles anders, denn meine Tochter wollte Kontakt mit mir, und zwar vermittelst der Zauberkraft der Musik. Sie wollte Kinderlieder singen. Ich schlug sofort einige Melodien aus meiner Kindheit vor: »Pioniere, voran, lasst die Fahnen weh’n« bzw.: »Lasst die Herzen glüh’n, wie Ernst Thälmann, treu und kühn«. Oder: »Hell scheint die Sonne und leicht ist unser Schritt, froh ist der Schlag unserer Herzen«. Ich hätte die nächsten zweihundert Kilometer durchsingen können, hätte das Kind mitgemacht. Aber mir war schnell klar: Dem Mädchen fehlt die politisch-indoktrinierte Basis. Ich musste etwas Verbindendes finden, ohne dass ich mich ihr zuliebe ideologisch verbiegen musste. Also suchte ich nach Klassikern, die wir beide kannten, die die Diktatur überdauert haben und in der modernen Welt noch bekannt sind.

»Hoppa, hoppa Reiter, wenn er fällt, dann schreit er, fällt er in den Graben, fressen ihn die …« Mein Kind schrie und wollte das grausame Ende dieses Liedchens nicht hören. Sie sagte, dass sei verboten in der Kita, weil Kinder zu fressen zu grausam ist. Ihre Version endete mit »… spielen mit ihm die Raben.« Ich erklärte ihr, dass beides unwahrscheinlich sei. Raben fressen keine Reiter (nur wenn sie verwesen), und spielen tun die auch nicht mit ihnen.

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Dann versuchte ich es mit den drei Chinesen. »Drei Chinesen mit dem Kontrabass saßen auf der Straße und erzählten sich was …« Wieder unterbrach mich ein schriller Schrei von der Rückbank. So geht das Lied nicht mehr, rief sie. »Drei Schimpansen mit ’ner Ananas …« sang sie lauthals und übertönte meine rassistische Variante.

»Was ist denn so schlimm an den Chinesen?«, wollte ich wissen. »Alles!«, schrie das Kind. »Chinesen sind doch keine Junkies, die die Polizei von der Straße jagen muss. Außerdem, wieso erzählen die miteinander, wenn sie einen Kontrabass dabei haben?«

Das leuchtete mir ein. Aber die Schimpansen mit einer Ananas überzeugten mich nicht. »Wie wäre es mit ›Hab ’ne Tante aus Marokko, und die kommt, hipp, hopp!‹?« Dieses Kinderlied ist eine Gedächtnisübung und preist die deutsche Gastfreundschaft, mit Sicherheit pädagogisch wertvoll. Aber auch das war dem Mädchen nicht geheuer.

Angeblich kommt die Tante mit zwei Pistolen, und es wird für den Besuch ein Schwein geschlachtet. Beides schien ihr unpassend zu sein. Ich gab klein bei. Denn dieses Lied spielt auf die schikanösen Einreisebestimmungen für Nicht-EU-Bürger an. Die wollte ich nun nicht auch noch mit der Kleinen diskutieren.

Nun fiel mir nicht mehr viel ein, was wir beide singen konnten. Bei mir setzte nämlich die Selbstzensur ein. Zum Beispiel die Oma, die im Hühnerstall Motorrad fährt, kam mir nun irgendwie anrüchig vor – ist der Text nicht eine Verhöhnung einer an Demenz erkrankten alten Frau?

Schließlich schlug das Kind ein fast textfreies Kinderlied vor, das sogar ich schnell lernen könne: »A ram sam sam, a ram sam sam, o guli, guli, guli, guli, guli ram sam sam. A rafiq, a rafiq, o guli, guli, guli, guli, guli ram sam sam.«

Das war leicht, und moralische, ethische und politische Probleme wurden nicht aufgeworfen. Nur die Bewegungen – Hände hoch und Augendrehen – waren beim Autofahren etwas komplizierter, aber es ging, wenn ich mit den Knien lenkte. Wir sangen laut und hatten Spaß, bis der Sohn überraschend aus TikTok auftauchte. »Was singt ihr denn da? Das ist voll das Kanakendeutsch.« Er verbot der kleinen Schwester solche Texte zu singen, sonst müsse sie bald ein Kopftuch tragen und werde verheiratet.

Nun waren wir still und überließen Spotify die Liedauswahl. Kinderlieder handeln dort von gefräßigen Krokodilen, die es auf Kakadus abgesehen haben, von Kindern mit zwei Mamas, von Papas, die nicht kochen können, und einem Max, der allein auf Rolltreppen hoch- und runterfahren darf.

Meine Tochter hüpfte bei jedem Song begeistert auf der Rückbank herum, und ich widmete mich wieder meinen Selbstgesprächen über den Sinn des Lebens. Das ist nämlich sehr, sehr unübersichtlich. Doch einen Fixpunkt gab es: Jede Autofahrt hat irgendwann ein Ende.

FELICE VON SENKBEIL

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