Mega nett und super flink
Was gibt’s denn heute zu essen?« Diese Frage höre ich schon, bevor ich mich mühsam aus dem Bett schälen kann. Und dann in regelmäßigen Abständen über den Tag verteilt. Textnachrichten, Zettelchen am Kühlschrank, mit Lippenstift am Badspiegel … Ich halte mich gern bedeckt bezüglich meiner Visionen, die das Abendessen betreffen – das macht es spannender und gibt mir ein kleines bisschen Macht.
Ich habe ja keine erzieherischen Instrumente mehr zur Verfügung, seit die Söhne auf mich herabschauen können. Der Rohrstock ist zerbrochen, das Taschengeld verdienen sie sich selbst und Hausarrest wäre Freiheitsberaubung. Wenn sie unverschämte Widerworte geben, kaufe ich Räuchertofu statt Wiener ein. Und wenn ich mit Kohlsuppe, Spinat oder Couscous drohe, fressen sie mir aus der Hand. So war das jedenfalls bisher. Neulich entdeckte ich grüne Papiertüten unter dem Bett meines Sohnes. Er rief mich auch kaum noch an, um mir seine Essenswünsche zu diktieren. Unsere Kommunikation kam fast völlig zum Erliegen.

Ständig klingelte es an unserer Wohnungstür; Geflüster, Geraschel, und später stapelten sich Pappkartons vor seinem Zimmer. Ich begann, heimlich die Überreste zu inspizieren. Es roch nach billigem Hühnchenfleisch und Transfetten. Zwischen angetrockneten Mayoresten fand ich minderwertigen Eisbergsalat. Ich fühlte mich hintergangen. War mein Essen nicht mehr gut genug? Das teure Biofleisch von einem unterbeschäftigten Schauspieler aus der Uckermark (zweites Standbein und so …), das Gemüse aus der Abo-Kiste vom Kiezgarten und das Brot selbstgebacken im Hausgemeinschaftssteinofen. Kann es besseres, natürlicheres, also köstlicheres Essen geben als meins? Und habe ich nicht immer alle Wünsche berücksichtigt? Burger, Schnitzel, Bolognese – kann ich alles, aber »in gesund«!
Ich legte mich auf die Lauer, um die neuen Essgewohnheiten meiner Söhne besser analysieren zu können. Am frühen Nachmittag hörte ich das erste E-Bike über unseren Hof schnurren. Am späten Abend kam oft noch eins. Verschwitze Südasiaten legten Essenspakete vor der Wohnungstür ab und huschten davon.
Wer waren diese jungen Menschen, die klaglos unsere fünf Treppenabsätze erklommen und weder Trinkgeld noch ein Dankeschön erwarteten? Inder, Pakistanis oder Afghanen? Und wie konnten sich meine Söhne diesen Service leisten?
Die vielen Essenslieferanten, die unsere Radwege zu Schnellstraßen machen, sind angeblich Studenten. Durch fleißiges Essenrumfahren finanzieren sie sich das Studium der griechischen Philosophie oder Gender-Studies auf Master, um später als Späti-Verkäufer oder bei der Infanterie ihrem oder unserem Land dienen zu können. So erklärte es mir mein Sohn, während er über die App sein Geld zurückforderte. Der letzte Pakistani war nämlich mit der Pizzalieferung zehn Minuten zu spät gekommen. »Aber zehn Minuten, das ist doch kein Problem«, nahm ich den gestressten Lieferanten in Schutz. »Natürlich nicht«, lenkte der Sohn ein, »doch wenn der Service nicht stimmt, muss der Kunde nicht zahlen.«
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Wann ist aus meinem empathischen, genügsamen, solidarischen Kind ein eiskalter Kapitalist geworden? Es schien ihm nichts auszumachen, diese jungen Ausländer für sich rennen zu lassen. Dass ich die Einkäufe die Treppe hochschleppe und stundenlang in den Töpfen rühre, ist ja was anderes, das ist ja nur Ausbeutung in der Familie. Ich wurde ja auch nicht gezwungen, mich zu vermehren. Aber diese Pakistanis und Inder hatten keine Wahl. Eine Zukunft in einem freien, demokratischen Land geht nur über den Weg der Sklaverei. Oder über Sozialbetrug.
Ich recherchierte und musste erfahren, dass die meisten Liefersklaven nur zum Schein studieren. Sie arbeiten hohe Schulden bei ihren Schleppern ab, was sie auch regelmäßig an unsere Wohnungstür führt.
Und so verlief mein Kampf gegen die Ausbeutung:
Es gab Broiler mit Ofenkartoffeln und Honig-Senfsoße. Die Wohnung roch nach Weihnachten und die Söhne saßen mit geschärften Messern am Tisch. Bevor ich den Vogel aus dem Ofen zog, begann ich mit meiner Ansprache. »Wir werden die Ungerechtigkeit in der Welt nicht besiegen können, aber wir können unseren Beitrag leisten, sie nicht zu fördern.«
»Was soll das jetzt?«, fragte der Große. Der Broiler wird wie immer verteilt – er kriegt die Brust, und der Rest ist für die anderen. Ich setzte noch mal an. »Stellt euch vor, ihre wäret in Pakistan geboren! Eure Familie wäre arm und ihr müsstet euer Glück im Ausland suchen. Und dann werdet ihr von verbrecherischen Banden mit einem Studienplatz gelockt und landet vollbepackt mit Billigfressen vor unserer Wohnungstür!«
»Aber immerhin mit einem tollen E-Fahrrad!«, plärrte der Kleine dazwischen. Der Große versuchte sich in Empathie: »Wenn wir nichts mehr bestellen, haben die ja weniger Einnahmen. Das bringe ich einfach nicht übers Herz.«

»Aber Boykott ist die wirkungsvollste Form des Widerstands.« Meine Söhne taten so, als hätten sie mich verstanden. Der Große versprach, sein Essen nun selbst beim Burger-Laden abzuholen. Ich knackte ein Flügelchen ab und war erleichtert.
An einem Sonntagnachmittag – es regnete Bindfäden und der Kühlschrank war so leer wie mein mentaler Akku – bestellte ich mir, statt ins Bett zu gehen und ausführlich zu heulen, in einem Anfall von Herrenmenschentum auch einfach mal eine heiße vietnamesische Nudelsuppe, Saté-Spieße mit Erdnusssoße und einen Mango-Lassi für die Kleine. Köstlich! »Das kriege ich selber niemals so toll hin«, entschuldigte ich mich bei mir und bei allen Geknechteten dieser Erde.
Natürlich war ich dem durchnässten Pakistani (oder was er war) auf eine halbe Treppe entgegengekommen. Natürlich gab ich Trinkgeld, nicht zu knapp, und ich sah ihm dabei tief in die Augen. Ich glaube, er hat gespürt, was ich ihm sagen wollte: »Wir beide halten zusammen, für eine bessere, eine gerechtere Welt. Und jetzt schönen Sonntag noch!«
Mehr kann man wirklich nicht tun.
FELICE VON SENKBEIL
Aus dem EULENSPIEGEL Laden:

Auslese
- Mega nett und super flink
Felice von Senkbeil - Ich weiß, was dein Opa letzten Hitler-Sommer getan hat
Florian Kech - Mit Reizen nicht geizen!
FERNSEHEN Felice von Senkbeil - Das Kind ist möglichst am Körper zu tragen
Felice von Senkbeil - Der Wixer
Matti Friedrich - Ist Deutschland internettüchtig?
Manfred Beuter - Alles ruhig bei den frühen Vögeln
Felice von Senkbeil - Hat prima geklappt
Matti Friedrich - Bitte mal die Flanke tätscheln!
FERNSEHEN Felice von Senkbeil

