Mit einem Kaugummi durch die ganze Woche

Komischerweise werden schon Fünfjährige mit der Frage gelöchert, was sie mal werden wollen. Als gäbe es etwas Wunderbares von der Rotznase zu erwarten, eine Bereicherung für die Menschheit oder wenigstens für die eigene Familie. Ruhm, der auch auf die Sippe abfärbt. Vielleicht wird das erwachsen gewordene Kind eines Tages bei »Riverboat« nach der Familie gefragt werden – dann wird es sagen: »Meinen Erfolg verdanke ich meinen Eltern!«

»Einhorndompteurin, Zahnfee oder Kaiserin«, antwortete meine Kleine bisher auf die Frage nach ihren Karriereplänen.

Zum Sonntagsfrühstück waren Opa und Oma da und wollten es mal wieder wissen. »Na, meine Kleine, was willst du denn mal werden?« Die Antwort war knapp: »Reich.«

Mario Lars

Natürlich lachten wir alle. Aber eigentlich war das ein Schock. Wir haben zwar keine hart arbeitenden Menschen in unserer Familie, aber alle haben einen Beruf, der klaglos ausgeübt wird. Gewiss, Armut klopft immer an unsere Tür – uns drücken die Leasingraten für den Tesla und der Eigenheim-Baukredit –, aber über Geld spricht man nicht in unserer Sippe und über Geldsorgen schon gar nicht. Meine Tochter weiß nicht, was arm ist und was reich.

Oma gab nicht auf: »Du musst doch irgendwas werden wollen«, sagte sie penetrierend, »Kita-Erzieherin vielleicht?«

»Niemals!«, schrie das Kind. »Oma, die Kleinen scheißen beim Mittagsschlaf ein!«

»Aber so was wie Friedrich Merz – nur als Frau –, das wäre doch ein toller Beruf für dich«, versuchte ich Ambitionen zu wecken. Das war dumm von mir, denn Friedrich Merz findet sie sehr hässlich. Sie blieb dabei: »Einfach reich!«

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Sie sei doch schon reich, erklärte ihr der Opa. Sie habe eine liebende Familie, ein schönes Zuhause, viele Kleider und immer was Gutes zu essen vor der Nase. Die Tochter rollte mit den Augen und fragte, ob der Opa nicht wisse, was richtig reich bedeutet. »Da hat man zehndreißighundertmillionen Geld und Gold und Edelsteine und ein riesig großes Auto, das nicht so stinkt wie deins!«

Opa war nicht gekränkt, denn er weiß ja, für die Enkelin stinken alle Klein- und Mittelklasse-Wagen, und stimmt das nicht sogar?

Aber ich fing an zu grübeln. Bin ich zu knauserig? Hab ich die Kinder zu sehr auf Sparsamkeit gedrillt, immer wieder »Nein, zu teuer« gesagt – und nun wünschen sie sich nichts mehr als ein Leben im Überfluss?

Als wir neulich vor den Schattenmorellen bei Edeka standen, entwich mir ein schriller Schrei, als ich den Preis sah. »Ne, Kleene, bei uns gibt’s heute Grießbrei mit ohne Kirschen!«, sagte ich etwas zu laut – eigentlich, weil ich auf Rabatt hoffte. Das Kind fing an zu weinen.

Angeblich kostet ein Kind bis zur Volljährigkeit über 160 000 Euro. Da ist eine Privatschule, der Führerschein und das eigene Pferd noch nicht eingerechnet. Vielleicht wird auch ein Anwalt, eine teure Entzugsklinik oder Lösegeld verlangt, man weiß es nicht vorher.

Kinder sind sehr teuer und bringen nicht viel ein. Hätte ich etwas mehr Sinn fürs Geld-machen, wäre vielleicht der Erstgeborene ein Einzelkind geblieben. Mit jeder Schwangerschaft rechnete ich mir die nächsten 20 Jahre schön. Mit dem Kindergeld auszukommen und noch einen Zehner für Luxus übrig zu haben, das war mein Ziel.

Dem Staat ist jeder neue Staatsbürger 259 Euro im Monat wert. Je nach Windelverbrauch und Ernährung ist das für den Anfang genug. Eine Windel (nicht die Biolappen) ist mittlerweile so saugfähig, die könnte das Kind bis zur Einschulung tragen. Mit Muttermilch kann man sogar ein Plus machen, wenn man den Überschuss an Bodybuilder vertickt.

Meinen Kindern durfte es an nichts fehlen, nur kosten sollten sie nichts. Ins Freibad schleuste ich sie unter meinem Bademantel, ins Museum unter meinem Hermelin. Für den gratis Zoobesuch machte ich einem Tierpfleger Hoffnungen …

Einen Kaugummi kann man bis zu einer Woche lang kauen. Mit dem Herd kann man auch heizen und zu kleine Schuhe taugen noch als Sandalen.

Beim Essen waren die Kinder nie besonders anspruchsvoll, bis sie herausfanden, dass Tomaten gar nicht in Dosen wachsen und dass Fleischkonsum gar nicht blind macht. Mit Schnitzel und Burger wurde das Freizeitbudget knapper.

Es waren schöne Ferien mit dem Zelt auf dem Aldi-Parkplatz neben dem Plötzensee: Abends um acht gehörte der ganze Platz uns! Und für unseren »Karibikurlaub« setzten wir uns in die Ausstellungsstücke vom Gartencenter. Dann ging’s ins »Olympiastadion«: FC Althüttendorf gegen Vorwärts Joachimsthal auf einem brandenburgischen Schotterplatz.

Eine schöne Kindheit hatten die Kinder eins und zwei. Und nun die Kleine!

Die empfindet einfach keinen Spaß am Geiz. Nach Pfandflaschen zu wühlen ist ihr zu eklig. Die Brüder sammeln heute noch Flaschen unter ihren Betten. Das ist wie auf einem Schatz zu schlafen, schwärmen sie.

Die Lütte hat längst verstanden, dass ihre Wünsche auch einfach so in Erfüllung gehen. Sie muss nur einmal lächeln oder Gebrüll androhen. Vielleicht wird sie auch einfach so reich, oder Bundeskanzlerin – wer weiß.

Was auch immer aus meinen Kindern wird, sie haben gelernt, sich durchzuschlagen auf die eine oder andere Weise. Und von den zurückgelegten Zehnern machen wir bald eine Kreuzfahrt auf einem Casino-Schiff.

FELICE VON SENKBEIL

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