Zwischen zwei Pfosten
Die Lücke! Dieses Phänomen ist noch kaum erforscht, ja man kann sagen: Die Lücke ist noch eines der großen Menschheitsrätsel. Denker, von denen man Aufschluss über die Lücke (ihre Genesis, ihre Metamorphosen, ihre Perspektive in einer zunehmend komplexeren Welt) erwarten könnte (Spinoza, Richard David Precht, Bodo Ramelow), hielten und halten sich bedeckt. Im Neuen Testament kommt die Lücke nicht ein einziges Mal vor! Das hat einen Grund: Die Lücke siedelt nahe am Nichts – und wer hat das Nichts je definiert!? Streng genommen ist die Lücke nichts anderes als ein Nichts zwischen zwei Pfosten.

Wir kennen sie als Zahnlücke, Gedächtnis-, Wissens- und Erkenntnislücke, Beischlaflücke und Versorgungslücke. Auch in ihren freundlichen Erscheinungen als Wolkenlücke, Parklücke oder Sterblichkeitslücke (die nicht zu groß werden darf, um die Rentenversicherung nicht in eine Finanzierungslücke zu treiben). Kommunalpolitiker – als ob sie in Amtsausübung nicht genug Lücken zu bewältigen hätten – haben jetzt die Begegnungslücke entdeckt.
Dazu muss man wissen, Kommunalpolitiker entdecken gern mal etwas, was einem Nichts mit Begrenzungspfosten ähnelt. Das hilft ihnen, das sogenannte demokratische Ehrenamt mit Sinn und Bedeutung aufzuladen und dann kurz vor Weihnachten die tüchtigsten Ehrenämtler mit Stollen und echtem Bohnenkaffee im Rathaus bewirten zu können. So wurde vor Jahren einmal der Dorfkümmerer erfunden – eine Person, die an die Türen klopft und sagt: »Es ist so still bei Ihnen, da wollte ich fragen, ob alles in Ordnung ist.« Alte Ostdeutsche kennen noch den Hausvertrauensmann, der nebenbei wissen wollte, wann denn der Westbesuch kommt.

Es gibt Ehrenamtler gegen das Lispeln und Stottern, gegen Paarungsprobleme von Fröschen und als Begleiter beim Gang zum Arbeitsamt (ein Schritt, zu dem es offenbar viel Mut braucht). Manchmal hebt aber auch ein Mensch einfach ein Stück Papier von der Straße auf, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass er in diesem Moment ein Ehrenamt ausübt. Generell gilt: Ein Landrat oder Bürgermeister kann nie genug Ehrenamtler im Regierungsbezirk haben – er muss nur genügend Lücken finden.

Und jetzt die Neuentdeckung: die Begegnungslücken! Wem ist es nicht auch schon so ergangen: Ein hübsches Wesen kommt einem entgegen – zehn Schritte, fünf Schritte, drei Schritte … jetzt müsste man Mut fassen, die Gelegenheit beim Schopfe greifen und sagen: »Können Sie mich bitte über die Straße führen, bis da drüben zu Apollo?« – oder irgendetwas anderes, was einen unwiderstehlich macht.

Aber nein, wieder nichts! »Vorbei, verweht, nie wieder«! Wenn Tucholsky einen ehrenamtlichen, vom Rat der Stadt beauftragten Navigator durch seine Begegnungslücke gehabt hätte, dann hätte er vielleicht länger gelebt, was gut wäre – aber hätte das Gedicht »Augen in der Großstadt« vielleicht nie gedichtet, was schade wäre.
Das hiesige Gratisblatt hat schon geschrieben, dass Leute, die unentgeltlich bzw. gegen Aufwandsentschädigung Begegnungslücken füllen können, dringend gesucht werden. Der Aufruf ist noch nicht konkret, denn man weiß noch nicht, wie man diese Ehrenamtler nennen soll – Lückenfüller? Lückenbüßer? Nein, die würden dann für alles Mögliche missbraucht.

Auch wird in den Rathäusern noch beraten, ob man die Freiwilligen ohne jede Ausbildung losschicken kann. Sie müssten – neben dem heimischen Dialekt – doch zumindest noch Ukrainisch sprechen. Aber das Schwierigste wird sein: Wie erkennt der Volunteer die Lücke – das Nichts zwischen zwei Pfosten? (Es gibt ja hierzulande nicht mal einen Studiengang Lakunistik.)
Und sollte man die heikle Aufgabe, prekäre Lücken zu füllen, nicht doch lieber Leuten überlassen, die das gewerbsmäßig machen (allerdings viel zu selten zu Weihnachten ins Rathaus eingeladen werden)?
MATTI FRIEDRICH
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