AusleseChronologisch

Wie können wir helfen?

Selten kommt es vor, dass mir bei all der Tagesmüh im politischen Geschäft (und nichts anderes ist ja die Berichterstattung für diese Zeitschrift) etwas so das Herz erwärmt, ja für einen Moment den Atem stocken lässt, wie es an diesem Tag und zu jener Minute geschah, von der ich hier erzählen will.

In den TV-Nachrichten ein O-Ton aus irgendeiner Pressekonferenz, wahrscheinlich mit ukrainischen Offizieren: Da stand ein Kollege auf (Name vergessen), der schwatzte mal nicht routiniert das Übliche – »Wie wollen Sie das und jenes machen?«, »Wie kommen Sie dazu, zu behaupten, dass …?« usw. Nein, dieser Mann – er erhob sich gemessen, holte tief Atem und fragte in die gespannte Erwartung der Anwesenden hinein etwas eigentlich ganz Naheliegendes, beinahe Selbstverständliches: »Wie können wir helfen, mehr Russen zu töten?«

Peter Thulke

Stille, unheimliche Stille im Saal. In Lichtgeschwindigkeit flogen diese vier unscheinbaren Wörter – »Wie«, »können«, »wir«, »helfen« – um den Globus, und das Fragezeichen flog hinterher. Augenblicklich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Was sind wir doch oft für Einfaltspinsel, Selbstdarsteller und Wichtigtuer – fordern irgendwas, beschweren uns, machen uns lustig über den und jenen, betrauern den Weltzustand oder drohen ihm mit Konsequenzen usw. Alles Schall und Rauch! Alles Alltagsgetöse! Dieser Mann aber – Name, wie gesagt, vergessen – tat etwas zutiefst Menschliches – er fragte nur: »Wie können wir helfen?«

Ich war beschämt bis ins Mark. Einfach mal seine Hilfe anbieten, die Hand ausstrecken, eine feuchte, fremde Hand drücken, vielleicht sogar eine Umarmung verschenken oder wie zufällig einen fremden Schenkel berühren – wer kann das heute schon noch?

Und dann dieses kühne »Wir«! Sind wir (jetzt gebrauche ich es auch, ganz ungeschützt!) nicht 24/7 stolz darauf, unverwechselbare Einzelwesen zu sein, unantastbar, niemandem etwas schuldig und keines Menschen Schuldner? Plötzlich fordert da einer – zaghaft, fast schüchtern, in die Frageform verkleidet –, dass wir wieder »Wir« sagen, denn ein Gemeinsames braucht es doch, bei aller Unterschiedlichkeit der sieben Geschlechter, um Gutes zu tun!

Sein Satz hallte nach wie der Ton einer einsamen Glocke in finsterer Nacht.

Satire & Humor per E-Mail
Der EULENSPIEGEL-Newsletter erscheint Dienstag und Donnerstag mit auserwählten Beiträgen.

Jetzt nur nicht, bitte nur nicht, diesen glücklichen Moment zerreden, dachte ich bei mir – glücklich wie ein Sonnenaufgang am Meer, glücklich wie ein erster Kuss der Liebenden oder der glücklich gezogene böse Zahn. Wenn nur nicht gleich unser Bundeskanzler etwas dazu zu sagen hat (z. B. dass er auch öfter mal gern Hilfsangebote bekäme im Stadtbild). Aber der Kanzler schwieg, der Bundespräsident schwieg, die Minister, die Bischöfe, die Gewerkschaftsbosse, die Militärs …★

Aber im Volk, dort, wo der Mehrwert für die Börse entsteht, sprach sich das Ereignis rum wie … ja, wie ein Lauffeuer. »Wie können wir helfen?«, fragten die Menschen einander, wie von einem drückenden Sprechverbot befreit. Ich ruckelte gerade die Mülltonne auf ihren Platz, schon rief der Nachbar übern Gartenzaun: »Wie können wir helfen?« »Wie können wir helfen?«, schrien zwei Mädchen, als im Wedding ein Rolli auf die U-Bahn-Gleise gefallen war (der Kurier berichtete). »Wie können wir helfen?«, fragte die Streife zwei Männer, die sich um eine Pfandflasche schlugen. Eine Welle der Hilfswilligkeit hatte mein Kollege (Name vergessen) auf der Pressekonferenz in unsere Welt losgetreten – und bestimmt ohne von einer »Mission« erfüllt gewesen zu sein: Ein Schmetterlingsschlag, der unseren blauen Planeten ein Stück weit zu einem besseren Ort gemacht hat.

Und Du, lieber Leser? Wie kannst Du helfen? Das mit den Russen zum Beispiel ist gar nicht so schwer. Das geht so: Die Steuer auf zuckerhaltiges Gesöff und alle Arten von Alkohol wird erhöht werden. (Hörst Du? Wird erhöht werden. Noch ist es nicht so weit, auch wenn Du das Zeug bereits vorsorglich in Großpackungen aus den Läden schleppst.) Sauf es, flöß die Plörre Deinen Kindern, Deinen Haustieren und anwesenden Pflegefällen ein, gieß sie Dir ins Geranienbeet, putze damit das Klo! Die Steuer, die Du zusätzlich zahlst, wird »helfen, mehr Russen zu töten«. Da schmunzelt er, der Wolodymyr: »Süß, diese Deutschen«.

Wenn allerdings, wie zu erwarten, der Geiz mit Dir durchgeht und Du durchaus nicht am Zucker frühverrenten und -verenden willst, dann verstehst Du die Sprache des Herzens nicht.

Dann bist Du diesen Text nicht wert.

MATTI FRIEDRICH

★ Später hieß es, der Kanzler habe geschwiegen, weil der Kanzler »grundsätzlich« nicht kommentiere, was auf fremden Pressekonferenzen gesagt wird. »Grundsätzlich« kommt immer gut.

    Anzeige

Auslese

    Anzeige

EULENSPIEGEL Cartoon-Kalender 2027

Witzige Cartoons und bissige Satire per Newsletter

Melden Sie sich jetzt kostenlos an: