Kommt ein Wessi nach Bansin
Von Gregor Olm
»Ich möchte aber nach Kreta!«, fordere ich einmal mehr trotzig und stampfe dabei ungestüm mit dem rechten Fuß auf, um der Sache Nachdruck zu verleihen. »Die Skorpione dort sind zwar allesamt giftig, aber nicht lebensbedrohlich«, führe ich obendrein als ein neues, meine Frau gewiss positiv überraschendes Argument ins Feld.
»Nein und nochmals nein. Wir fahren an die Ostsee«, erklärt mein Weib streng, eine DDR-Geborene, Jahrgang 1977, die ihrem Ost-Dorf in der Oberlausitz früh entflohen ist und es dann via einem Medizinstudium in Berlin (West) geschafft hat, finanziell mit ihrem Ost-Hintern gut an die Wand zu kommen. »Auf unserer letzten Kreta-Reise, die im Übrigen viel zu teuer war, sind wir bei den durchschnittlich 36 Grad fast gestorben. Und da ich diejenige bin, die hier das Geld verdient, hat mein Entschluss Befehlscharakter.«

Da ist er wieder, der immer gerne vorgebrachte Vorwurf, dass ich als selbstständig erwerbstätiger Illustrator, dem die KI-Konkurrenz bedrohlich im Nacken sitzt, selten mehr als drei Mark fünfzig zur Familienkasse beisteuere.
»Ich will aber nicht in die Ostzone, zu diesen broilergeilen Dauerprotestwählern!«, klage ich.
»Du musst nicht weinen, Papa, wir nehmen dich ja mit. Aber versprich uns, dass du Mutti im Urlaub nicht wieder ständig auf der Tasche liegst«, dringt es süffisant aus dem frechen Mundwerk unseres Sohnes hervor. Er ist zehn und entwickelt allmählich einen Sinn für tiefergehende Gemeinheiten.
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