Uropa, erzähl mal!

Deutschlands ältester Ex-Bürgermeister im Gespräch


Josef Rüddel (94) hat Konrad Adenauer (143 ) (†) mit Kartoffeln beliefert und ist auf der A3 noch mit dem Pferdefuhrwerk gefahren (3 Punkte in Flensburg plus MPU). 56 Jahre stand Deutschlands dienst- und gesichtsältester Bürgermeister der rheinland-pfälzischen Gemeinde Windhagen vor. Nun ist er in den längst verdienten Ruhestand rollatort. Wir sprachen mit dem betagten Rentengewinnler.

Guten Tag, Herr Rüddel!

Wie?

GUTEN TAG, HERR RÜDDEL! ICH…


Na, na, mal nicht frech werden, Sie Lümmel! Ich mag zwar nicht mehr ganz so gut hören, aber tüddelig bin ich deswegen noch lange nicht.

Herr Rüddel, mit der Kommunalwahl in Rheinland-Pfalz Ende Mai endete Ihre 56-jährige Amtszeit als Bürgermeister von Windhagen. Was hat Josef Rüddel an seinem ersten dienstfreien Morgen gemacht?

Woher soll ich das wissen? Hätte ich ihn halt mal wieder besuchen gehen müssen, den ollen Jupp. Haben Sie zufällig seine Adresse parat?

Gemeint sind doch Sie!

Wer?

Ihre Person: Josef Rüddel!

Kenn ich den?

Och, Opi!

Hehe, angeschmiert! (Schlägt sich vor Lachen auf den Schenkel.) Aua, mein appes Bein! Ein rechter Filou, dieser Dings, äh, Rüddel, was? Ja, ich bin für mein Alter nach wie vor ganz schön auf Zack. Alles knorke. Kurzzeitgedächtnis seit jeher tipptopp. Deswegen: Mal nicht frech werden, Sie Lümmel! Ich mag zwar nicht mehr ganz so gut hören, aber tüddelig bin ich deswegen noch lange nicht.

Erzählen Sie mal lieber von früher!

Das war schon was, als der Russe hier einmarschiert ist. In Windhundseile haben wir es damals noch rechtzeitig geschafft, alle Straßenschilder der »Adolf-Hitler-Allee« und »Joseph-Goebbels-Gasse« abzuschrauben. Das muss so 1998 gewesen sein. Der Schröder hat dann aber doch nur kurz Stippvisite bei uns gemacht und ist gleich weiter nach Bad Honnef – Studienförderung beantragen oder so. War mir ohnehin zu flegelhaft, dieser Sozi-Jungspund mit seinen flapsigen Bemerkungen und den buntgefärbten Haaren. Ich habe dann auch gleich zu ihm gesagt: ›Na, na, mal nicht frech werden, Sie Lümmel! Ich mag zwar nicht mehr ganz so gut‹ …

Jaja! Was etliche Ihrer Amtskolleginnen und -kollegen derzeit ohnehin viel mehr interessieren dürfte: Wie haben Sie es bewerkstelligt, Ihre Gemeinde schuldenfrei übergeben zu können?

Morgens in die Mühle, mittags zur alten Post und abends noch zum Hirschen.

Hä?

Heimische Wirtschaftsförderung!

Ach so, dieser Asbach-Uralt-Witz. Und ernsthaft?

Ich habe in den letzten dreißig Jahren einfach das gemacht, was alle anderen mit Eintritt ins Rentenalter für gewöhnlich auch tun: Falschparker aufschreiben. Arztpraxen blockieren. An Bauzäunen stehen und den Arbeitern wertvolle Tipps zurufen. Sowie mit einem Sparstrumpf voller 1-, 2- und 5-Cent-Münzen zur Haupteinkaufszeit meine täglichen Besorgungen tätigen. Da hat sich mit der Zeit bei unseren regionalen Unternehmen und Dienstleistern in Windhagen dank mir einiges zusammengeläppert.

Und dass das Gemeindewappen auf dem Willkommensschild am Ortseingang statt des goldenen Brunnens neuerdings eine übergepinselte Aldabra-Riesenschildkröte ziert, ist wohl Ihr Abschiedsgeschenk an die Windhagener.

Ein rechter Filou, dieser Dings, äh, Rüddel, was? Ja, ich bin für mein Alter nach wie vor …

Herr Rüddel, eine abschließende Frage noch: Nun, wo Sie sich endlich nicht mehr mit kommunalem Filz und Klüngelwirtschaft auseinandersetzen müssen: Was fangen Sie jetzt mit Ihrer vielen Freizeit an? … Herr Rüddel? … Sind Sie eingeschlafen? … Herr Rüddel! HERR RÜDDEL! HALLO, IST HIER IRGENDWER ARZT? HILFE!

Daniel Sibbe