Gruseliges Vogelgezwitscher
FERNSEHEN
Fernsehen ist grausam geworden, ja qualvoll. Nicht nur in Shows wie »Love Island«, »Bauer sucht Frau« oder »Let’s Dance« werden Menschen in ihrer erbärmlichen Unzulänglichkeit vorgeführt, auch das Öffentlich-Rechtliche schreckt nicht vor brutalen Experimenten an Lebenden zurück. Besonders pervers wird es, wenn es um Kinder geht.
Der SWR hatte die perfide Idee, einer neunten Klassenstufe für drei Wochen die Handys abzunehmen. Wenn das nicht Psychoterror ist (nicht nur für die Probanden selbst), und das vor laufenden Kameras. Kein Handy – das ist fast so entwürdigend wie Toiletten abzubauen oder Betten ohne Matratzen. Der Redakteur, der sich den Smartphone-Entzug ausgedacht hat, sollte selber mal drei Wochen ohne Matratze schlafen. Der sympathische Tobi Krell vom Kika (tadelloses Führungszeugnis, unter vierzig und sehr einfühlsam) wurde als Moderator auserwählt, weil ihn die Kinder vielleicht nicht lynchen würden.

Die Handys werden in einem großen Käfig (Spezialanfertigung) im Schulfoyer gelagert. Ihre schmachtenden Eigentümer müssen 22 Tage lang an ihren Lieblingen vorbeigehen, werfen ihnen traurige Blicke zu – kommen aber nicht ran.
Die anfänglich aufgeweckten Neuntklässler verkünden zu Beginn ihre Erwartungen an das Experiment: Sie würden sich sicherlich rasch an ein Leben »ohne« gewöhnen, sie würden mehr Schlaf bekommen und so den anfänglichen körperlichen und seelischen Schmerz kompensieren. Aber die ersten Tage – die werden furchtbar sein!
Einige bekommen eine Kamera mit nach Hause, also nicht der harte Entzug, denn so können sie noch ein bisschen Insta-Story spielen. »Boah, ich hab so Angst, Leute, morgen ist es weg, ich bin mega aufgeregt, mein Herz schlägt voll krass.«
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Dann passiert es wirklich, weg sind die Dinger und die Kids quasi mutterseelenallein auf der Welt, von allen Tröstungen verlassen. Wie schlimm das ist, erzählt die dramatische Musik. Schweigend hocken sie in ihrer heimlichen Handyecke, das, was in meiner Kindheit die Raucherecke hinter der Turnhalle war. In diese Ecke schlichen sie sich in den Pausen, um ihre Chats zu checken. Denn nichts ist schlimmer, als nicht sofort »on« zu sein, wenn’s vibriert.
Nun ist hier statt Adrenalin nur Angstschweiß in der Luft. »Weiß nicht, wie ich das schaffen soll«, ist zu hören. Die Mädchen nehmen sich gegenseitig in die Arme, die Jungs suchen nach Opfern für stumpfe Gewalt. Einer beginnt mit dem Boxtraining. Ein anderer bastelt wie ein Grundschüler Seifenkisten. Ein dritter (nicht im Bild) entdeckt sein Geschlecht. Übersprungshandlungen, pure Verzweiflung, alles nur, weil ein paar Fernsehmacher sadistische Neigungen zu haben scheinen. Oder einfach keine Teenager mögen.
Um zu verstehen, wie brutal dieses Experiment ist, muss man wissen, was die Kids mit ihren Handys alles so machen. An dieser Stelle wird der Informationsauftrag vom SWR erfüllt.
Neben dem üblichen Quatsch geht es auch um Lebenshilfe aller Art: kochen, lesen, »Tagesschau« in leichter Sprache gucken, sich über die Anatomie des jeweils anderen Geschlechts informieren, Schulaufgaben durch die KI lösen lassen und mit den Eltern kommunizieren. Diese vielfältige Bedürfnisbefriedigung sieht auch der streckenweise fies kichernde Tobi positiv.

Der Schreck kommt noch! Im Durchschnitt schenken die Kinder ihrem Smartphone täglich sechs Stunden ihres Lebens. Am Wochenende auch schon mal elf. Besonders gern sind sie bei Snapchat und Instagram unterwegs. Sie senden täglich weit über 100 Nachrichten. Was da so verhandelt wird, könnte sicher schon mit einer Schultoilettenlästerei geklärt werden, aber die haben die Kids nie eingeübt. Sie sind Junkies und immerhin: Sie sehen das ein.
Doch schon am ersten Tag ohne Handy im Schulbus bereuen die Teenies ihre Entscheidung, sich in die Gewalt Tobis und der Redakteure begeben zu haben. Die anderen, die nicht so doof waren, glotzen glücklich auf ihre Handys – sie nur aus dem »scheiß Fenster«.
Nach einer Woche beschreibt ein Mädchen seine Verzweiflung: „Ich sitze auf dem Balkon, einfach so, und diese schreckliche Stille. Und dann das Vogelgezwitscher, voll gruselig.“
Hier sollte eine verantwortungsvolle Produktion abbrechen (man weidet sich ja auch nicht an sterbenden Tieren!), aber nein, der Programmauftrag kennt kein Erbarmen.
Glücklicherweise ist die Handyfixierung behandelbar, wenn auch nicht heilbar. Der SWR hat diesen hundert jungen Individuen ein neues Leben geschenkt. Am Ende der drei Wochen leuchten im MRT die Hirnregionen beim Anblick der Telefone nur noch schwach auf. Stattdessen sind die Kids reaktionsschneller als vorher, sie bewegen sich wie normale Menschen, beginnen miteinander zu sprechen und schauen sich gegenseitig in die pickligen Gesichter. Das ist vielleicht nicht so angenehm wie durch einen Beautyfilter, aber irgendwie geil.
Natürlich wollte keiner der Probanden langfristig auf das Smartphone verzichten, aber einige können sich vorstellen, phasenweise zu pausieren. In dieser Zeit würden sie dann lieber fernsehen.
FELICE VON SENKBEIL
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