Tabernakel Besenkammer
Die Welt rieb sich die Augen und Ohren: Ein Fußballer versammelt nach dem Schlussgong Spieler der gegnerischen Mannschaft um sich und faltet mit ihnen zusammen alle Hände zum Gebet! So geschehen nach der Partie Deutschland gegen Curaçao während der Weltmeisterschaft. Felix Nmecha war der Schuldige, der selber im Spiel ein Tor geschossen hatte und sich nun von den Angehörigen des unterlegenen Teams von der Sünde des Hochmuts, ausgedrückt im Torjubel, freigesprechen ließ.
Stellvertretend tat er Abbitte zudem für die anderen deutschen Spieler, die weitere sechs Tore zum 7:1-Sieg geschossen hatten und sich damit der Sünde der Völlerei ergeben hatten. Curaçao vergab Nmecha und seinen Spießgesellen – doch Gott nicht, denn Sein ist die Rache! Sie erfolgte in den nächsten krummen Spielen und gipfelte im Ausscheiden Deutschlands im Sechzehntelfinale, womit der Todsünde der Habsucht, der Gier nach dem fünften WM-Titel, rechtzeitig der Hals umgedreht worden war.

Nmecha ist Jesusanbeter, was heutzutage ohne päpstliche Lizenz, kirchen-lutherische Erlaubnis oder mittelalterliche Zwangstaufe durchgeht. Und selbstbetend gibt es mehr Wunderliches im Märchenland der Religionen!
Dass in Deutschland das Christentum als eingewachsene Glaubensart dominiert, wird niemanden erstaunen, ebenso wenig, dass im Fußballmuseum des DFB in Dortmund diverse Reliquien ausgestellt und anbetbar sind: ein winziges Stück Zehennagel vom Fuß Gerd Müllers, eingerissen beim Schuss zum 2:1 gegen Holland 1974; oder ein Bröckchen von Jogi Löws Hosenschiss, als Torhüter Manuel Neuer im WM-Finale 2014 schon nach wenigen Minuten ein brutales Foul zelebrierte und vom Platz hätte fliegen müssen, aber wundersamerweise am Leben blieb.
Sogar begehbar ist die Brause aus Fritz Walters Eigenheim, die er sich einst im Bad einbauen ließ – damals, in den 1950ern, ein Luxus neben Abort und Waschschüssel. Aber sie war das Symbol seines Glaubens, dessen Kern in der Anbetung des Regengottes bestand: jenem Allverursacher des sagenumkränzten Fritz-Walter-Wetters, der pünktlich zum WM-Endspiel 1954 nasses Wasser vom Himmel herabschickte und Deutschland den Titel in die rutschfest bestollten Füße gab.
So viel vom Gekicke, auch andere Sportarten sind vom Glauben an höhere Mächte befallen! Boris Becker zum Beispiel: Er begründete das Dogma von der heiligen Besenkammer, nachdem er 1999 mit dem Model Angela Ermenkova daselbst eine Tochter gezeugt und gezaubert hatte. Er ward zum Schutzpatron zahlloser Besitzer von Eigenheimen und Eigentumswohnungen, die im guten Glauben an die wundertätige Wirkung eines solchen Refugiums und Allerheiligsten seither immer neue Putz- und Besenhilfen einstellen.
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Ein anderes langes Körperteil steht im Mittelpunkt der Religion, die auf den US-Amerikaner Dick Fosbury zurückgeht: der Rücken. 1968 segelte der Messias rückwärts über eine Latte durch die Welt der Schwerelosigkeit – die Welt, in der Gott wohnt! –, bis die geweihte Matte ihn empfing. Damals ein Wunder, wird das Ritual heute von allen Hochspringern praktiziert und sei hier nur als augenfälliges Beispiel für die originellen Riten und Glaubensinhalte zitiert, die so ähnlich eigentlich allen neueren Glaubensgemeinschaften eigen sind und ihren Anhängern verheißen, dem Himmelreich sogar um mehr als die 2,24 Meter dieses Gurus näherkommen zu können.
Zugegeben: Kein Sprung gleicht dem anderen, so wenig wie ein Ei dem nächsten, das ist wie beim Menschen. Doch es gibt Konfessionen, denen der Glaube an die Wiederkehr des Immergleichen eingebrannt ist: Täve Schur und Rudi Altig waren in Deutschland seine Apostel. Sie waren Jünger des Glaubens an das ewige Rad, das sich wie der Planet, ja der Kosmos für immer um die eigene Achse dreht, mal schnell, mal aber langsam, wenn auch das Weltall sich bergauf bewegt.

Wie jede Analogie hat auch diese ihre Grenzen, denn das Rad muss täglich geputzt werden. Aber bevor wir uns jetzt in Nebensachen vertütteln: Die Schwimmer und fanatischer noch die Turmspringer, die wieder und wieder den Ritus der Taufe nachvollziehen; die Turner, die an Barren, Seitpferd und Reck das ewige Ringen des religiösen Menschen um seinen Platz in der widerspenstigen Schöpfung symbolisch austragen; die Kraxler, die vom altsteinzeitlichen Bekenntnis zu den auf Bergen hausenden Göttern inspiriert sind und im Bouldern, Lead und Speed (so die deutschen Bezeichnungen) ihre Nähe suchen und nie finden: Der Glaube an übernatürliche Leistungen, an Wunder, sogar an die unerklärliche Wiederaufstehung nach einer Verletzung wuchert im Sport gleichwohl überall.
Gewiss: Was dem einen sakral ist, erscheint einer anderen sakralesk, und der dritte findet es sakralös. Deshalb genug gesportelt! Die Welt, so unwahrscheinlich es klingt, ist größer und birgt ja leider viel mehr Wunder. Jene Religion, die der Prophet Friedrich Theodor Vischer im Jahr 1878 ausrief, ist naturgemäß allen Leibesübern vertraut, denen ihr Diskus, Hochsprungstab oder Laufschuh aus der Hand rutscht oder vom Fuß flutscht: der universale Glaube an die Tücke des Objekts. Damit schlüpfen nun alle Menschen in den Fokus, die den abtrünnigen Haustürschlüssel, die unbotmäßig durchgegangene Ehefrau oder eine ungehorsame Hauskatze kennen. Doch darüber kein andermal. Schlussgong!
PETER KÖHLER
Aus dem EULENSPIEGEL Laden:

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