Voll in die Angst gehen!

FERNSEHEN

Jeder vierte Deutsche erfüllt die Kriterien einer psychischen Erkrankung – die restlichen wissen es nur noch nicht. Putzzwang und Alkoholismus gehören auch dazu. Eine interessante Zielgruppe für Medienformate aller Art. Etliche Dokus, Podcasts, Reportagen, Insta-Stories rund um die Psyche und natürlich die KI machen Therapien vielleicht bald überflüssig. Tief lassen Betroffene in ihre Psyche blicken, und Therapeuten – die einzigen Heiler, die nicht mit Laborwerten argumentieren können und völlig ohne Approbation auskommen – hören zu und geben Tipps. Es geht um Angststörungen, Essstörungen, Zwangsstörungen, Depressionen und ADHS. Alles dramatisch, alles spannend, hoch emotional und nah am Menschen … großartiges Entertainment-Potential.

In der Reihe »Facing Fear« im ZDF können Zuschauer Schritt für Schritt erfahren, wie es sich mit einer Angststörung lebt und wie man sich selbst therapieren könnte. Nach dem Vorher-nachher-Prinzip wie in bekannten Service-Formaten, als da sind: »Wie wird aus meiner Messie-Wohnung ein Loft?«, »Wie bekomme ich meine Kinder in die Schule?«, »Wie kriege ich die Fische im Gartenteich über den Winter?« – heißt es hier: »Wie besiege ich meine Angststörung?«

Andreas Zöls

Dazu wird Mandy, 29, zum Bäcker geschickt. Die junge Frau hat eine ausgeprägte Sozialphobie, schlendert jedoch vorerst fröhlich mit dem Kamerateam die Straßen entlang. Vor der Ladentür dann der dramatische Moment: Was, wenn sie »Körnerzwerg« oder »Schlemmerwecke« nicht rausbekommt? Wird es ihr gelingen, vor laufender Kamera Geld gegen Nahrung einzutauschen? »Mandy wird stark herausgefordert«, sagt eine Stimme.

Ein sympathischer Therapeut, mit elegant gestutztem Barthaar, aber unbekannter Qualifikation, begutachtet die Szene aus seiner schicken Praxis heraus, sozusagen per Telemedizin. »Wir alle haben Angst«, sagt er, »das ist ein urmenschliches Gefühl, und gleichzeitig gibt es viele Menschen, die unter Angst leiden.« Was Mandy angeht, hat er bereits eine pfiffige Ferndiagnose: »Sie ist extrem schüchtern«, wie man sieht. Aber was hilft da, Herr Therapeut? »Da hilft nur: Voll in die Angst gehen!«

Mandy bekommt den Auftrag, eine »Angsthierarchie« zu erstellen. Am besten in einem kleinen Tagebuch, mit Füller geschrieben. Ganz oben steht »fremde Menschen ansprechen«, »ein Restaurant besuchen«. Für welche Mutprobe wird sich die Redaktion entscheiden?

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Also die analoge Konfrontation, Mandy mit dem Therapeuten, ist unaufschiebbar.

Der erste große Schritt: Mit dem Zug fahren! Bis nach Köln! Dann sitzt sie ihrem Retter, dem Mann im edlen Ledersessel, gegenüber. Sie kneift sich in die Finger, um die Anspannung ertragen zu können. »Na? Sehr aufgeregt?«, fragt der Heiler, dann geht er voll in die Anamnese: »Wie fühlst du dich jetzt von eins bis zehn?«

Und schon wendet er sich den Zuschauern zu, Blick in die Kamera: Was hier vielleicht nach Sadismus aussieht, sei rein professionell, erklärt er. Er wisse, was er tut und wer die Behandlungsschritte zu Hause selbst mal mitgehen möchte – nur zu!

Na klar, es geht in die Fußgängerzone zum Leute-Anquatschen. Der Therapeut beteuert präventiv, die Patientin nicht quälen zu wollen – aber langweilen sollen sich die Zuschauer schließlich auch nicht. Also, wie wird Mandy reagieren? Wird sie durchdrehen, zurück zum Bahnhof rennen, sich die Fingerknöchel brechen?

Die Kamera ist nah dran, als Mandy die Panik ins Gesicht steigt, der Schweiß auf der Stirn glitzert. »Das ist wie Achterbahn fahren für Mandy, es kommt viel Adrenalin, aber wenn ich die Achterbahn mehrmals hintereinander fahre, ist es fast eine entspannte Nummer.«

Aber nicht für Mandy! Sie bricht ab – und auch das ist ein Erfolg! »Die Angst willkommen zu heißen«, nennt das der Therapeut – und dann soll sie auch noch zugeben (vielleicht um die Zuschauer zu beruhigen), dass es doch gar nicht so schlimm war.

Und für die Selbstheilung zu Hause werden Infos zum Mitschreiben in einer lustigen Grafik eingeblendet: »Maximale Angst fühlen, wieder abklingen lassen, auf sich stolz sein.«

Überraschenderweise hat Mandy ein soziales Leben. Sie trifft sich mit Freundinnen in einem Café, plaudert über ihren Angststörungs-Blog bei Instagram und wirkt ganz gechillt. Sollte die TV-Therapie schon so rasch Wirkung zeigen?

Das Finale: Ein Restaurantbesuch! Der kann auch ohne psychische Störung herausfordernd sein, wenn das Personal kein Deutsch spricht oder nur Bargeld will. Mandy grinst ein bisschen irre, und der Therapeut erklärt dem TV-Publikum, dass dies eine Übersprungsreaktion sei. Vielleicht hat sich unsere Heldin auch nur über die Einladung gefreut. Und dann: Die erste Bestellung ihres Lebens (vegane Pizza)! Ein Zeichen allmählicher Gesundung! Und wir waren dabei!

Mandy sagt, was sie gelernt hat: »Die Angst darf da sein.«

Der Therapeut stimmt ihr zu und will noch ein kleines Kunststückchen vorführen, am lebendigen Objekt: Mandy soll sich überwinden und das Personal fragen, was da auf ihrer Pizza klebt. Käse? Oder etwa Nasensekret aus der Küche? Doch nein, das geht zu weit – vielleicht beim nächsten Dreh …

Und wir, die wir mit unseren eigenen Psychomacken vor dem Fernseher sitzen? Was sollen wir mit uns machen? »Immer wieder mit sich in Konfrontation gehen! Und den liebevollen Blick auf sich selbst behalten!«

Na, das kann doch nicht zu schwer sein.

FELICE VON SENKBEIL

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