Der Kanzler lebt!
Von Mathias Wedel
Am späten Sonntagabend war es auf einmal still, eigentümlich still. Die »Tagesthemen« verplätscherten, Zamperoni wirkte fahrig, ungewöhnlich ernst. Wer zu dieser späten Stunde noch online war, den traf es wie ein Schlag – der Spiegel knallte seine Headline vorab in die deutsche Nacht, ja in die Welt: »Friedrich Merz: ›Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.‹«
Was ist da los? Der deutsche Kanzler im Verzweiflungsmodus, nahe an der Selbstaufgabe? Wenn das der Russe mitkriegt, steht er morgen früh an der Oder. Oder schlimmer: Armin Laschet übernimmt.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz registrierte bis zum Morgengrauen Tausende hektisch getippte oder hysterisch per Voicefunktion gestammelte Anfragen besorgter Bürger an die künstliche Intelligenz – Tenor: »Ist der Kanzler suizidal?« Die Antwort der KI: »Es gibt derzeit keine Hinweise darauf, dass der Bundeskanzler vor einem Nervenzusammenbruch steht oder suizidale Absichten hegt«, außer einen Hinweis: den von ihm selbst.
Ostdeutsche, besonders ältere Ostdeutsche, die (wie wir täglich von der Berliner Zeitung belehrt werden) über ein ausgeprägtes Sensorium für sich anbahnenden Staatsverfall verfügen und außerdem oft gebildet sind, stiegen in ihre Pyjamas und Nachthemden, und so mancher murmelte Lenins (1990 voll bestätigten) Satz vor sich hin: »Die Beherrschten wollen nicht mehr und die Herrschenden können nicht mehr – das ist die Revolution.«
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