Gesicht zeigen
»Vergiss nicht, morgen …!«, so beginnt meine Frau stets den Tagesbefehl für den kommenden Tag. Diesmal setzte sie den freundschaftlichen Rat hinzu: »Aber zieh dich warm an!«
Dabei war es gar nicht so kalt – in einer langen Ehe hat man jedoch gelernt, die sprachlichen Kürzel zu decodieren. Mein Auftrag für morgen war es also, in die Stadt zu fahren und in einer Drogerie XXL-Windeln für die fast hundertjährige Nachbarin zu besorgen. Und »warm anziehen« hieß: Mach dich auf was gefasst!
Diese Warnung traf mich nicht unvorbereitet. In den Spätnachrichten hatten sie den Ausbruch der offenen Feldschlacht zwischen dem Management von »Rossmann« und dem von »dm« bereits gemeldet. Ein »Dissens« der beiden höchst erfolgreichen Drogerieunternehmen, der »uns alle« anginge, hieß es, denn es stehe nicht weniger als »unsere Demokratie« (Bundespräsident Steinmeier) auf dem Spiel.

Ich schlief schlecht. Ich träumte, bei »Rossmann« hätten sie voreilig die »Spandauer Tagebücher« von Albert Speer aus dem Sortiment geräumt, jetzt gäbe es da nur noch die XXL-»Oktopus«-Schwarten von Konzernchef Dirk Roßmann. Der »dm«-Markt wiederum hatte in meinem Alptraum provokativ das Deodorant »Alice« (»unglaublich weiblich, glaubwürdig deutsch«) ins Fenster gestellt, und auch was für Männer: Die Enthaarungscreme »Volkssturm«, aber man müsse sich beeilen, der Volkssturm sei rasch vergriffen. – So unter Konsumdruck gesetzt, wachte ich schon um fünf Uhr auf …
Ich nahm das Rad – mit dem Windelpaket würde ich ja gar nicht in den Bus kommen. Als ich, bei »Rossmann« angelangt, steif vom Rad stieg, war schon ein Dutzend aufgeregter Leute vor dem Geschäft. Ich wurde wie ein revolutionärer Kämpfer empfangen, der sich durch vermintes Gebiet geschlagen hatte. Ein altgewordenes Mädchen (sie leitet in der Stadtbibliothek den Kurs »Demokratie atmen, Leben spüren«) hängte mir eine Decke aus NVA-Beständen um die Schulter. »Noch ein Mutiger, der dem Faschismus die Stirn bietet!«, rief mir ein Mann zu, der hinter einem Tischlein stand, auf dem die »Oktopus«-Bücher gestapelt waren.
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Dann standen wir ein bisschen herum und verfluchten das »dm«-Management. Die sollen an ihrer braunen Scheiße ersticken, fanden wir, und dass die nur so »hitleraffin« seien, weil sie sich Extraprofite versprechen, wenn die AfD die Macht ergreift. Diesen objektiven Zusammenhang erkennt man natürlich nur so klar, wenn man Antifaschismus und Antikapitalismus »prinzipiell zusammendenkt«.
Das altgewordene Mädchen aus der Bücherei schlug vor, eine Barrikade zu errichten. Eine gute Idee! Nur: warum? »Na, um ein Zeichen zu setzen!«, rief sie. Das leuchtete uns sofort ein, denn auch dieser Tag sollte nicht vergehen, ohne dass in Deutschland ein Zeichen für die Demokratie gesetzt bzw. ein »starkes Signal« gesendet wird. Was eignet sich da besser als eine Barrikade, eine symbolische Brandmauer gegen rechts? Außerdem bestand die Gefahr, dass vom »dm«-Markt her, fünfhundert Meter Luftlinie von uns entfernt, faschistische Horden herüberkämen, um hier eine »Oktopus«-Bücherverbrennung und ein Armageddon an den »Rossmann«-Kunden zu veranstalten. Dem mussten wir vorbeugen!
Wir hatten aber kein Barrikadenbaumaterial, außer die »Rossmann«-Bücher, und die waren sakrosankt. Die Einkaufswagen konnten wir auch nicht nehmen, die standen ja im Laden und der war so zeitig noch geschlossen. Hinter der Scheibe guckten zwei »Rossmann«-Angestellte verängstigt zu uns herüber – sie hatten die politische Brisanz der aktuellen Situation im Kampf gegen den aufkommenden Faschismus offenbar noch gar nicht begriffen. Vielleicht hielten sie uns einfach für eine gewöhnliche Bande rumänischer Ladendiebe, die darauf wartet, dass geöffnet wird.

Den Materialengpass überwand das altgewordene Mädchen mit einem genialen Vorschlag: »Wir bauen eine Barrikade aus menschlichen Leibern! Versteht ihr: Wir setzen unser Leben ein für die Demokratie! Mehr geht wirklich nicht.«
Diese Idee begeisterte auch die Frau von der Lokalredaktion des Regionalblattes, die aus unserer Initiativgruppe heraus alarmiert worden war. »Ohne Menschen auf dem Foto kann ich mich in der Redaktion gar nicht blicken lassen«, sagte sie.
»Ich liege freiwillig unten!«, rief das altgewordene Mädchen und sah sich suchend um. »Und du« – ihr Blick fiel auf mich – »bildest die zweite Schicht der Leiber!« Das wird vielleicht ein bisschen zu intim, dachte ich – aber warum nicht, wenn wir uns eh schon alle duzen.
»Das ist dir doch nicht unangenehm?«, fragte das altgewordene Mädchen lauernd. »Im Gegenteil«, log ich, »wenn ich für Dirk Roßmann und seine ›Oktopus‹-Gesamtausgabe etwas tun kann, dann gerne. Aber«, sagte ich, »es ist zehn Minuten vor Ladenöffnung, und wenn unsere Leiber quer vor der Türe liegen, kommt ja kein Schwein rein. Und gerade jetzt, wo die Hetze der Nazis vielleicht bei manchem Konsumenten verfängt, braucht der Herr Roßmann jeden Euro Umsatz.«

Das war politisch ziemlich dumm von mir. Die menschliche Barrikade brach augenblicklich zusammen, bevor sie errichtet worden war.
Ein Ehepaar kam herbeigeschlendert und wollte wissen, warum wir hier »so einen Aufriss« machen. Ich klärte es über die Lage auf. Die Frau von dem Mann sagte: »Das ganze Gerede von der tiefen Spaltung unserer Gesellschaft ist doch dummes Zeug. Wir müssen einfach nur toleranter sein, einander zuhören und mehr miteinander reden.«
»Aber nicht, dass Sie denken, wir hätten keine Prinzipien«, sagte der Mann von der Frau. »Nein – einen klaren inneren Kompass haben wir: Wir kaufen nicht bei Juden.«
Die Reporterin vom Regionalblatt kam auf mich zu, bat, mich fotografieren zu dürfen und um meinen Namen, denn für die Demokratie müsse man Gesicht zeigen und mit seinem Namen einstehen.
»Nee, lassen Sie mal«, sagte ich, »ich schreibe selber über das Event hier, und meinen Namen schreibe ich drunter«:
MATHIAS WEDEL
PS: Die XXL-Windeln waren bei »Rossmann« vergriffen. Da musste ich rüber zum »dm«-Markt radeln. Da standen zwei Leute vor der Tür, ein Schild hatten sie dabei: »Nie wieder ist jetzt!« Als ich aus dem Laden kam, war mein Fahrrad weg. Und einer der beiden.

Auslese
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Mathias Wedel - KiKA for ever
FERNSEHEN Felice von Senkbeil - Das stille Sterben der Mauerwanzen
Felice von Senkbeil - Was hat der Kanzler gesagt?
Matti Friedrich - Alles dufte!
WEST-FERNSEHEN Felice von Senkbeil - Schreckliche Verbrechungen,
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