AusleseChronologisch

Gülle macht geil

Einfach abgehauen sind sie, haben die Jungen und die Alten und die Armen und die Moribunden zurückgelassen, um irgendwo in der Pampa ihr Geld in Wärmepumpen, Schwitzhütten und Permakultur zu versenken. Im letzten Jahr verließen mehr als 31 000 Menschen – meist solvente Familien mit zwei bis drei Kindern, doppeltem Einkommen, ohne Vorstrafen und mit lediglich moderatem Alkoholkonsum – unsere schöne Hauptstadt und siedelten sich im Umland an. Berlin würde ausbluten, wären nicht die Zuzüge von indischen Wolt-Lieferanten und Crack-Junkies auf der Suche nach Großstadt-Flair. Und gäbe es nicht die Gender-Studenten aus Sachsen-Anhalt, sähe die Sache noch düsterer aus.

Dabei hat die Stadt viel geboten, um diese abtrünnigen Steuerzahler zu halten: extra breite Radwege für Lastenräder, festangestellte »Parkläufer«, die Dealer zur Sauberkeit mahnen und Hunde trainieren, in Tüten zu kacken. Es wurden Schulen gebaut, Kindergärten, Hochbeete und ein paar Wohnungen. Der Kit-Kat-Club erweiterte seinen Außenpool und die Stadtautobahn wurde großenteils zur 30er-Zone.

Es nützt allet nüscht: Raus aus der Vorhölle, rin ins Jrüne!

Hier berichten drei Familien, was sie zur Stadtflucht bewog und wie es ihnen heute ergeht.

Tim Feicke

Familie Dr. Stefan und Stefanie Flüchter mit den Kindern Marietta und Antonietta. »Uns wurde es am Kollwitzplatz einfach zu prollig«, begründen die Flüchters ihre Ausreise.

Hier im Havelland sei alles besser, sagen sie – immer Parkplätze, Tempo 100 auf der Landstraße, nette Nachbarn, die für sie das angefahrene Wild auf dem Küchentisch zerteilen. »Die Kinder sollen sich das ruhig ansehen, das ist echter als Instagram! Sie lernen hier Selbstwirksamkeit und wie man ein Jagdmesser benutzt.« »In Berlin trauten wir uns nur mit Freunden auf die Straße, hier sind wir sogar allein im Wald unterwegs.«

Aber wenn die Nachbarn feiern und ihre Heimatliebe besingen, bleibt Familie Flüchter lieber daheim. Im hübsch renovierten Gutshaus haben sie sich ihre Wohnträume erfüllt. Marmor, Kirschholz, Kamin und Bibliothek.

Dr. Stefan Flüchters Hobby sind die Strauße, zwei hat er im Gehege. Die riesigen Eier soll seine Frau auf dem Wochenmarkt verkaufen. Die Dörfler nennen Dr. Stefan: »der mit den dicken Eiern«. Er findet, das klingt liebevoll. Frau Stefanie aber wird immer noch rot, wenn die Dorfkinder das rufen.

Sie hat auf dem Lande eine neue Aufgabe gefunden: Heimunterricht. Das ist in Brandenburg nur halb illegal, weil die AfD noch nicht gesiegt hat. Für die Flüchters hat das Schulamt ein Auge zugedrückt, der Schulbus ist ohnehin kaputt. Den robusten Brandenburger Kindern wären ihre Töchter auch noch nicht gewachsen, meint Frau Flüchter. »Die grüßen sich morgens mit ›Heil Hitler‹, da müssen sich meine Mädchen erst noch dran gewöhnen.«

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Mark Heilig und Frau Britta Mader-Heilig sind mit den Söhnen Bob, Jon und Pep nach Wandlitz verzogen, »aus Liebe zur Natur«. Sie haben sich für ein Häuschen mit Seeblick entschieden. Das Schlafzimmer geht allerdings zur Autobahn raus. »Ein Glück«, sagt Mader-Heilig, »da brauchten wir für unser Traumhaus keinen Kredit aufzunehmen«. Das Haus ist zwar zu klein – aber auf dem Lande ist das kein Problem: Im Gärtchen hat sich die Familie ein Baumhaus in den Walnussbaum gebaut, mit WLAN. Dort schläft Bob (17), wenn der Lärm von der Autobahn verebbt und die Nacht trocken zu bleiben verspricht. Ansonsten, vor allem im Winter, zieht es ihn zu den Eltern »auf die Ritze«.

»Das ist ja das Schöne«, schwärmt Mader-Heilig, »seit wir auf dem Lande leben, sind wir als Familie enger zusammengerückt. Und bald wird auch das Badezimmer renoviert – hoffentlich bevor der See zufriert.«

Aber auch hier gibt es einen Wermutstropfen. Nachbarn haben die Familie anonym angezeigt – das Baumhaus sei illegal errichtet. »Das war in Berlin natürlich besser, da hat sich kein Schwein für den anderen interessiert.« Zum Glück aber holt den Bob im Herbst die Bundeswehr, da haben die Eltern ihr Schlafzimmer wieder ganz für sich allein.

Die anonyme Anzeige hat das Klima im Ort natürlich vergiftet, das bedrückt die Heiligs. Britta hat mal Theaterwissenschaften studiert, jetzt plant sie ein Theaterstück mit dem Titel »Der Denunziant«. Damit will sie die traumatische Erfahrung mit der Baumhausanzeige aufarbeiten – und das ganze Dorf soll mitspielen, wie bei den Passionsspielen in Oberammergau. »Vielleicht machen wir das Spektakel jährlich«, träumt Britta, die auch Regie führen will. Und eines verrät sie noch: »Zum Schluss outet sich der Denunziant, natürlich ein alter Stasimajor – anständige Leute machen sowas doch nicht.«

Anna-Sophia und Imke, mit ihren Kindern Armor und Eurydike, sind ein queeres Paar mit einem Vierseitenhof im Oderbruch. »Güllegeruch hat was Aphrodisierendes«, findet Imke und lächelt selig. Hier, zwischen Äckern und Weiden, habe sie zu sich gefunden, nach stressigen Jahren in der Großstadt.

Anna-Sophia bietet Mediationen an und Imke hat einen LGBTQIA+-Verein für die heimlichen Homos der Umgebung gegründet. Bis jetzt hat sich aber keiner geoutet, obwohl Anna-Sophia schon einige Jungs, die ihr schwul vorkamen, offensiv im Kaufland angesprochen hat. Sie ruft ihnen dann immer zu: »Du siehst schwul aus, steh dazu!« – die Resonanz war gleich null. Anna-Sophia führt das auf die DDR-Vergangenheit der Eltern zurück, »denn dort durfte man nicht ›anders‹ sein.«

Armor und Eurydike gehen in den Dorfkindergarten und sind wegen ihrer Non-Binarität nicht in den Schwimmkurs aufgenommen worden. »Das tut schon weh, aber schwimmen lernen sie auch im Löschteich an der Kirche«, sagt Anna-Sophia. Ein geschlechterneutrales Kinderfest in ihrer Scheune soll mit Vorurteilen aufräumen.

Die Wohnung in Berlin-Kreuzberg haben die Frauen untervermietet und kommen ab und zu heimlich vorbei. Einfach mal dem Rattern der S-Bahn lauschen und den Kifferqualm vom Nachbarn riechen. Dann gehen sie shoppen, futtern veganen Döner und feiern mit Leuten, die Anna-Sophia und Imke nicht blöd anglotzen, wenn sie sich küssen.

FELICE VON SENKBEIL

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